Mittwoch, 21. Mai 2008

du nimmst das ei und kochst es. wenn es hart ist, sind fünf minuten um. dann weißt du, dass die zeit vergangen ist.


Dieser Post ist eine Fortspinnung der Gedanken in
Anujas Blog-Eintrag über die Zeit. Er soll keine Definitionen über die Zeit liefern, sondern zusammenfassen, was mir zur Zeit (im doppelten Sinne des Ausdrucks) durch den Kopf geht. Meine vorrangige Absicht ist es, Verwirrung zu stiften. Obwohl meine Überlegungen so etwas wie wissenschaftlicher Recherche entspringen, behalte ich mir vor, mich zu irren, zu täuschen, Kraut und Rüben durcheinander zu würfeln oder euch einfach hinters Licht zu führen.

warum die Zeit nicht existiert:

„Zeit“

von alt- bzw. mittelhochdeutsch zīt: Tages- und Jahreszeit, Lebensalter.

Verwandtschaft mit dem indogermanischen dā(i) [vgl. auch engl. time]: teilen, zerschneiden.


In beiden Begriffen steckt die Vorstellung einer unterteilenden und gliedernden Qualität der Zeit. Dieser Gedanke setzt zugleich die Existenz eines übergeordneten Phänomens voraus, das von der Zeit unterteilt und geordnet werden kann. Dieses Phänomen muß seinem Wesen nach zeitenthoben sein. Seine Existenz ist eine allen Kulturen und Epochen vertraute Vorstellung.


Diese zeitenthobene Ebene ist unter verschiedenen Namen bekannt, wird aber immer als wahre, reine Wirklichkeit bezeichnet im Gegensatz zur menschlichen Erfahrungsebene von Raum und Zeit - die nichts als eine Illusion darstellt. Platos "Reich der Ideen", die mittelalterliche göttliche "Ewigkeit" oder Newtons Begriff der absoluten Zeit sind Beispiele für die Vorstellung einer zeit-freien Ebene, die dem Menschen (wenn überhaupt) nur über die Ebene der Zeitlichkeit erfahrbar wird.

"... was Zeit ist wissen wir alle. Sobald wir aber den Versuch machen, uns über das Zeitbewusstsein Rechenschaft zu geben, [...] verwickeln wir uns in die sonderbarsten Schwierigkeiten, Widersprüche und Verworrenheiten.", sagt Herr Husserl (und ausnahmsweise verstehe ich ihn).

Zeit - im Alltagsdenken existiert z.B. die Vorstellung ihrer Dreiheit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), gemeinsam mit den geistigen Handlungen des Erinnerns bzw. Sich-Vorstellens.

Aber wir können uns nur von einem gegenwärtigen Augenblick aus erinnern. Ebenso passiert die Vorstellung des Zukünftigen im Jetzt. Vergangenheit und Zukunft existieren also nicht, einzig die Gegenwart ist immer.



Die Zeit-Psychologie nennt 5 elementare zeitliche Erlebnisse: Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, Aufeinanderfolge, Gegenwart und Dauer. Wie entstehen diese Erlebnisse?

Verschiedene Wahrnehmungen werden im Gehirn in einem Rhythmus von etwa 3 Sekunden gebündelt. Es wird angenommen, dass dieser Rhythmus für alle Menschen (unabhängig von Epoche und Kultur) gültig war und ist. Die innerhalb von 3 Sekunden aufgenommenen Informationen bilden die Grundlage dessen, was wir "Augenblick" oder "Gegenwart" nennen. Die oben genannten elementaren Zeiterlebnisse entstehen dadurch, dass verschiedene Integrationsmechanismen (z.B. das Gedächtnis) die unzähligen "Jetzt-Bündel" in Beziehung zueinander stellen.

Damit zeigt sich, dass das Phänomen Zeit beständig durch geistige Vorgänge im Menschen aufs Neue "errichtet" wird und daher (aus psychologischer Sicht) keine objektiv gegebene Größe sein kann. Aber das wussten wir ja schon.

...und warum es sie trotzdem gibt:

Gehen wir also davon aus, dass "die" Zeit an sich nicht existiert. Sie ist nichts, was objektiv gemessen, zerteilt und beschrieben werden kann.

Der Akt des „Zeitens“ allerdings stellt den Grundmodus menschlichen Daseins, menschlicher Erkenntnis und Wahrnehmung dar.

Sieh dir die Bilder an:





Die Tatsache, dass du erkennst, warum es sich handelt; dass du die Bewegung der Wassertropfen in Raum und Zeit rekonstruieren und die Figur in Raum und Zeit verorten kannst, sind Ergebnisse des Vorgangs des Zeitens in deiner Wahrnehmung. Die Tatsache, dass du versuchst, meiner Argumentationskette zu folgen, ist ebenso ein Ergebnis davon. Etc. etc.

Unsere Daseinsform ist zeitlich.

... und was sollen wir jetzt damit?

Zeiten ist eine Form der Selektion und Zusammenstellung - das zeigt bereits die Herkunft des Wortes. Die Zeit schöpft beständig aus einem übergeordneten Pool unbegrenzter Möglichkeiten; unbegrenzten Potentials.

Unser Ziel kann es sein, uns der Subjektivität unseres Zeitens in jedem Augenblick bewusst zu werden. Wir können im Gegenteil dazu nur Zeitlichkeit als einzige Existenzebene anerkennen.

Unser Ziel kann es sein, uns immer wieder von jenen Ideen loszusagen, die mit dem Konzept des Zeitlichen einhergehen und uns versklaven.

Unser Ziel kann es sein, immer wieder über die Zeitlichkeit unseres Wesens hinauszuwachsen und in den Pool der Zeitentbundenheit zurück zu springen, dem wir entwachsen sind.

Die Betonung liegt auf immer wieder, weil wir trotz allem in eine Welt zurück kehren, in der Zeitlichkeit eine Rolle spielt - ob wir nun auf einer Alm Schafe hüten oder uns durch den Asphaltjungel bewegen.

Ich behaupte nicht, dass es unmöglich ist, auf Dauer im ewigen Jetzt zu leben. Aber ich möchte ehrlich bleiben und einen Post über die Zeit nicht mit einem 'Lebe im Augenblick!' schließen. Selbst wenn ich der Botschaft dieser Aussage zustimme - sie wahrhaftig umzusetzen bedarf jahre- vielleicht lebenslanger Ubung.

Es hält mich nichts davon ab, es zu versuchen. Statt meiner Zeitlichkeit jedes Mal eins überzubraten, wenn ich sie in flagranti erwische; statt mich darüber zu ärgern, der Illusion der Zeit wieder in die Falle getappt zu sein ...

... könnte ich sie als Sprungbrett nutzen, um mitten ins Jetzt zu springen. Ich könnte in ihrem wandelnden Spiel das Unveränderliche in allem erblicken.

Um dann auf den "wake up" den "wake down" folgen zu lassen; also die Erfahrung der Zeitlosigkeit in mein zeitliches Bewusstsein zu rufen. Ihr einen Platz einzurichten von dem aus sie wirken kann.

Das grenzenlose Vergnügen, sich aus eigener Kraft zu entfalten und und zu befreien! Vielleicht haben wir uns hier auf der Erde aus reinem Spaß den Schleier der Zeit vor die Augen gebunden - um immer wieder mit dem größten Vergnügen entdecken zu können, was dahinter liegt.


Ich weiß nicht, ob ihr noch hier seid, aber ich hatte Spaß!


Blog-Titel aus: Hannes Hüttner, Das Blaue vom Himmel.

4 Kommentare:

sam hat gesagt…

Hi Artemis.
Wenn Du gerne mal Podcasts lauscht:
hier gehts auch ums Thema, neuronal gesehen und schön gemacht!

Wenn ich mir die Geschwindigkeit z.B. einer Schwalbe ansehe, mir ihre Zeitwahrnehmung versuche vorzustellen, dann *räkel* finde ich mich sehr geborgen und zufrieden mit "meiner" Dimension der verschwimmenden Zeitmuster, wie ich so am Flussufer sitze auf einem Stein, für den ich so schnell bin, dass er mein Sitzen vermutlich gar nicht mitkriegt.

kvinna hat gesagt…

Was mir dazu einfällt: der Zeitpunkt, zu dem beispielsweise eine bis dahin in diesem Raum nicht nachgewiese Tierart erstmalig dort auftaucht, lässt sich nicht recherchieren. Existiert er dann überhaupt?

Ray Gratzner hat gesagt…

Hallo artemis,

ich finde deinen Post wunderbar klar geschrieben. Zeit, das Zerteilen...

Zu den physikalischen Messungen, die die Zeit vorgeben gesellt sich die menschliche Wahrnehmung, die unterschiedliches Zeiterleben kennt, bis hin zu Sprüngen in der Zeit, die sich in keiner sequentiellen Reihenfolge mehr ordnen lassen, wenn man an Meditationen oder Traumwanderungen denkt.

Dein Post macht nachdenklich. danke.

Anonym hat gesagt…

Liebe Alle,

litt kurzzeitig unter lahmer Internetleitung...

@ sam: vielen Dank für den Link, hab die Seite schon besuch - sehr sehr interessant, danke! Bin zum Anhören noch nicht gekommen (s.o.)

@ kvinna: DARÜBER hab ich auch schon gerätselt... Oder über das Abfalldatum. Ist ja auch was total Absurdes, besonders Abfalldaten mit Uhrzeit. Von einer Sekunde zur andern wird ein Lebensmittel zu Müll.

@ Ray, aber auch an alle anderen Interessierten:
Was Wahrnehmung angeht, empfehle ich euch die sehr interessanten Blogs von Estee und Adam, ihrem autistischen Sohn:

Estee:
http://joyofautism.blogspot.com
und im Besonderen das Video vom 22. Mai 08.

Adam:
http://adamwolfond.blogspot.com

Liebe Grüße!