Donnerstag, 3. Jänner 2008

penetrationswahn

Aufgrund von Bettlägrigkeit Alice Schwarzers "Kleinen Unterschied" in einem Rutsch durchgelesen.

Über etwas gestolpert, was seit Veröffentlichung unverändert blieb: Penetrations-Wahn.

Ich wusste: die Vagina ist ziemlich gefühlslos.
[Einen Tampon spürt Frau (entgegen aller Männerbefürchtungen/-fantasien) nicht. Und angeblich könnte sie am Hauptteil ihrer Vagina ohne Narkose operiert werden (angeblich...).]

Ich wusste auch: alle Embryonen sind zunächst weiblich. Der Penis ist also eine verlängerte Klitoris.

Und ich wusste auch: die Klitoris ist das empfindlichste Stück der Frau.

Nun wird aus Fakten noch lang kein Wissen. Das ist mir aufgegangen, wieder einmal. Denn kapiert habe ich bis jetzt nicht, dass die Synthese all dieser Fakten lautet:

Das Geschlechtsteil der Frau ist nicht ihre Scheide, sondern ihre Klitoris. Punkt.

Als "richtiger Sex" gilt aber immer noch der "Geschlechtsverkehr", also Penetration.
Alles andere rangiert nach wie vor im Bereich des Vorspiels.

Wenn ichs mir genau überlege, sind doch auch gängige Darstellungen des lesbischen Liebesspiels mit Dildos und allerhand surrenden Phallen bestückt - die doch eigentlich so nötig gar nicht sind.

Wäre (Männern?) vielleicht auch zu beängstigend. Wenn die Homosexuelle schon nicht mit echten Männern schläft - ganz ohne kommt sie doch nicht aus, ha!

Pardon, ich kenne genügend Männer, denen ganz anders wird wenn ich sie bitte, sich doch genau vorzustellen, wie ein anderer Körper in sie eindringt, um dann auf und ab zu fahren, zu stochern, zu hämmern oder zu bohren. Vielleicht ist meine Vorgehensweise nicht ganz fair. Denn wenn ich nachschicke, dass das Ganze durchaus seine Reize haben kann, sind die Armen meist bereits zu verschreckt. Das will also gelernt sein, das mit dem "Jemanden unter die Haut lassen".

Zwischen bloßer Penetration und echtem "Ineinander-Sein" besteht nocheinmal ein großer Unterschied. Die wenigsten, die *gröhl* "ihn reingesteckt haben" gehen auch tatsächlich wirklich unter die Haut.

Die erste Hürde ist schnell genommen, notfalls mit Gewalt, aber die Allerwenigsten wissen, wie sie tatsächlich die verborgensten der verborgenen Kammern einer Frau aufschließen. Und obwohl Frauen ziemlich schnell spüren, wer so ein potentieller Wunder-Wuzzi sein könnte - sie (wir!) lassen trotzdem zu viele in uns ein, als uns gut tut.

Und das schreibe ich auch der Tatsache zu, dass wir "echten Sex" mit Penetration gleichsetzen.

Ich bin grundsätzlich dafür, dass Menschen sexuelle Erfahrungen sammeln. Aber weil Sex so eine heikle Sache ist, wäre eine differenziertere Betrachtungsweise angebracht. Lust entsteht auf viele Weisen, will auf genauso viele Arten befriedigt werden. Der Penetrationswahn beschneidet uns, vielen wird er eine Quelle der Enttäuschung, Frustration, und - ja - ungewollten Schwangerschaft.

Anscheinend kriegen Frauen immer noch nicht genügend Orgasmen, sonst wären den endlosen Kolumnen der Cosmopolitans, Jolies und Belles die Luft ausgegangen.

Ich erinnere mich an Gespräche mit Freundinnen, Freunden - den Druck bei vielen. Und dem wird ja auch weiterhin Futter gegeben - denn würden andere Möglichkeiten (als die Penetration) tatsächlich als gleich- und vollwertig angesehen, hätten wir nicht denselben Stress mit Impotenz, mit angeblich "orgasmusunfähigen" Frauen oder solchen, die einfach nicht feucht genug werden oder von was anderem träumen.

Ich bin eben immer wieder verblüfft, dass wir so ganz und gar unaufgeklärt sind. Alle Naselang wackelt Eine/r mit Po/Brust/Bauch, aber über Lust -
über das Körperuniversum -

wissen wir nix.