Dienstag, 27. März 2007

Die Untoten - Teil 1

I still do not know what impels anyone sound of mind to leave dry land and spend a lifetime describing people who do not exist. If it is a child's play, an extension of make believe - something one is frequently assured by people who write about writing - how to account for the overriding wish to do that, just that, only that, and consider it as rational an occupation as riding a bicycle over the Alps?

Mavis Gallant, Vorwort zu Ausgewählten Geschichten


Was die Vorsätze betrifft, sollte Neujahr im Frühling liegen. Mit dem frischen Wind kommen dann nämlich die Ideen für wirklich durchführenswerte Pläne; und wenn schon keine guten Ideen, dann doch zumindest der Elan, auch die schlechten anzupacken... Bei mir sieht das so aus: zwei Leichen möchte ich unter Einsatz all meiner Kräfte endlich aus dem Keller befördern. Und dann wiederbeleben.

Untote Nummer Eins: meine Schreiblust. Eigentlich ist ja allein dieser Blog eines ihrer deutlichen Lebenszeichen - aber irgendwie steht doch Blog zu Schreiberei wie ... mein Gott, wo bleibt der gute Vergleich? ... die Tischdecke zum Tellerinhalt, in etwa.

Der Friedhof meiner Schreiblust liegt in dichtbekritzelter Form in diversen Schubladen, Notizbüchern und Heften, oder, schlimmer, irgendwelchen Mülldeponien (verteilt in Europa). Ich schlage diese papierenen Friedhöfe in unregelmäßigen Abständen auf, jedes Mal in der Hoffnung, eine wundersame Buchstabenvermehrung anzufinden - irgendetwas, das besser ist als das, was ich beim letzten Mal zurückgelassen habe. Dann feile ich für ein paar Stunden/Tage penibel an einigen Grabsteinen, füge einen neuen hinzu und spaziere wieder davon.

Die Geschichten gewittern hinter meiner Stirn wie ein penetranter Kopfschmerz. Mehr als einmal wollt ich den Kopf an der Wand zerbrechen, oder das Hirn mit einer Nadel aufstechen, damit der juckende Brei endlich in geordneter Form aufs Papier gleiten kann. Doch mit Gewalt lässt sich der Schädel ungern zerbrechen, er liebt den "Flow" - und wenn ich dann gelegentlich fließe, fühlt es sich an wie Klo nach 12 Stunden Busfahrt: pure, beglückende Erleichterung.

Mein Kampf mit Adjektiven und Adverbien begann mit 8. Ich, an der Schreibmaschine, oder bewaffnet mit Karton, Schere und Faden mir Buchdeckel bastelnd, welche dann mit dem Getippten beklebt wurden. Später tatens auch Rechner und Drucker. Seit jeher befiel mich wilde Scham, wenn diese Texte in irgend jemandes Hände gerieten. Zwei oder drei Ausnahme-Menschen habe ich in Anfällen des Wahnsinns freiwillig Exzerpte meiner literarischen Bewältigungsversuche ausgehändig; nach wie vor fählt es mir schwer, nicht zu erröten, wenn ich daran denke. Mein innigster Wunsch ist es, eines Tages den Raum zwischen zwei Buchdeckeln selbstständig gefüllt zu haben, von mir aus ein einziges, ewig ungelesenes Exemplar. Diese Vorstellung fühlt sich an wie Zuhause. Daheim im Bücherregal.

Mitten im Studium eines ethnografischen Textes überkam mich vor einigen Wochen in der Bibliothek eine schriftstellerische Eingebung. Ich habe mich nicht vom Fleck bewegt, bis die Seite vor mir satt war. Die Erleichterung war doppelt: erstens, das Weiß war bezwungen. Zweitens lockerte das Erlebnis in meinem Hirn eine Schraube. Die Wahnvorstellung des Schreiber-Genies verflüchtigt sich nun langsam und ich begreife, dass ich grundsätzlich kann - es ist eine Sache von Zeit und Sturheit. Seither ist mir klar: die Leiche muss raus.

Ich würde jetzt gern ein Happy End folgen lassen, à la "Und sie schrieb stilsicher und flüssig bis an ihr Lebensende",
oder zumindest:
"Und durch den aufrichtigen Wunsch erblühten augenblicklich die zu Schreibblockaden versteinerten Geschichten und nie wieder zweifelte die Poetin an der Kraft ihrer Feder."

Uäh. Dream on.
Und über die andere Untote berichte ich - demnächst.

***

Kvinnas Kommentar zu meinem letzten Post habe ich leider stiefmütterlich vernachlässigt - es blamiert sich niemand tödlich der nicht weiß, dass ich nach einem kurzen Abstecher nach Österreich jetzt wieder in Schweden bin und dort bis Juni bleibe. Und ja, der schwedische Frühling ist urgewaltig - aufbrausend und federleicht zugleich kommt er daher. Und warum muss man, um das zu erleben, warten, bis "die Kinder ein bisschen älter sind?" Das würd ich jetzt gern mal verstehen (oder blamiert mich diese Frage tödlich???)

Sonntag, 4. März 2007

lenz


Heute stelle ich fest,

dass die Tage, an denen es um 3 schon dunkel war, schon längst wieder vorbei sind,

dass Sonnenlicht tatsächlich blendet,

dass die Vögel zurück sind,

und dass man Frühling riechen kann!

Was für ein Sonn-Tag, im wahrsten Sinne des Wortes... Bin vom schönen, goldenen Licht hier wachgekitzelt worden, die halbe Stadt in Pärchenformation auf den Strassen, alle Blumen - die, die die Schneestürme der letzten Wochen überlebt haben - schon halb aus der Erde. Ich zum ersten Mal ohne Haube und Handschuhe aus dem Haus, ein milder Wind um die Ohren der die Wolken über mir in gewaltigen Gebilden vorüberschiebt - dazwischen nur Blau, Blau, Blau!

In den Gewächshäusern im botanischen Garten lauter aufgeregte schwedische Zwerge, die sich über die frischgeschlüpften Wachtelküken beugen, in den Gärten haben die ersten mutigen Erwachsenen Fika (Kaffee-und-Kuchen-Tratsch), in Decken gehüllt.

Und obwohl der Winter verhältnismäßig mild war, fallen mir allerhand Dinge von der Brust, die mir nicht einmal aufgefallen sind. Ist doch erstaunlich, dass der Frühling einen Jahr für Jahr zum Zwitschern bringt, und dass wir uns jedes Jahr drüber verwundern, als wär's das erste Mal...

Freitag, 9. Februar 2007

flamme


Seit Tagen geht mir die Idee zu diesem Post nicht aus dem Kopf. Meine Finger tippen um den heißen Brei, statt beherzt in die Tastatur zu greifen. Und grundsätzlich scheine ich jetzt in die Riege jener Blogger abgestiegen zu sein, die ihren Netzraum mit der Bemerkung beschriften, dass sie nicht wüssten, was sie schreiben sollten. Nein, so will ich das nicht. Nämlich, worum es hier auf den nächsten Zeilen geht, ist Gott.

Zitat aus einem Post von mir, geschrieben im September:
Ich bin sehr feig. Ich sage wenigen, dass ich glaube und fast niemandem, was ich glaube.
Daher die Startschwierigkeiten.

Meine Art von Glaube ist ein Wissen, eine Beziehung, ein fortfahrendes Gespräch, ein Licht, Inspiration, eine Hand, Erfüllung, Freude, ein geheimer Wundertrank.

Ich mag die Art und Weise nicht, wie Glaube oberflächlich so oft entweder mit Gefahr, oder mit Bethühnerei verbunden wird. Der/die/das Gott als ein Konzept zu verstehen, zu dem ermahnende Rachegebete und Hassgefühle gekarrt werden können; das Abgrenzung, Beschneidung und Regeln propagiert; das grundsätzlich nur auf Basis von Tauschhandel und als Müllhalde funktioniert... - ich sag es einfach gradeheraus: das ist falsch.

Diese Vorstellungen sind nicht falsch, weil sie die wahre Natur des Göttlichen womöglich beleidigen würden; sondern weil sie den Menschen verletzen und degradieren. Sie verletzen Menschwürde, beschneiden Menschenrechte - Rechte wie jenes zur immwährenden Weiterentwicklung, des Lernens ohne Schamgefühl, der Freude, Großzügigkeit, Offenheit und Freiheit. Das Recht der Menschen, die Göttlichkeit in sich zu entfalten.


Religionen (alle!) sind in meinen Augen überflüssig geworden. Heilige, Mittelsmänner, Kontaktpersonen ebenso. In dieser Ära geht der Kontakt direkt, ins Herz hinein, aus dem Herz hinaus. Vermittler verfestigen nur das Konzept, dass das Gott etwas grundsätzlich von uns Abgeschnittenes ist. Als ob Segen und Gnade nur von außen kämen. Das Konzept der Mittelspersonen schneidet ganz leicht von unserer eigenen Macht ab:
"Bitte, lieber Gott, erledige das für mich.", "Bitte, Heiliger Soundso, halte Fürbitte für mich."

Immer, wenn man mit etwas in Verbindung steht, besteht die Gefahr, Verantwortung auf das Andere, das Außen abzuwälzen. (Und im Folgenden spreche ich der Einfachheit von dem Gott; auch wenn ich es als ungeschlechtlich sehe...)

Mein Weg ist nicht harmlos. Ich betreibe ihn nicht als Hobby, oder als Stütze, um leichter durch schwere Zeiten zu kommen. Er ist das Knochengerüst meines Lebens, mein innerster Kern aus dem heraus ich handle.

Auf diesem Weg setze ich alles daran, mich zu befreien von dem, was mich von mir und anderen abschneidet; und das zu kultivieren, was mich reicher, voller und heil macht. Mein Weg führt mich vor den Spiegel, in den Spiegel hinein - er zeigt mir meine Süchte, Abhängigkeiten, Grausamkeiten, meine Ausreden, Lügen und Verstrickungen - er lässt mich immer wieder auf mich selbst zurückfallen. Er ist nicht harmlos in dem Sinne, dass er immer angenehm ist. Das liegt aber nicht am Weg selbst, sondern daran, dass ich in den Mist hineinsteigen muss, um ihn zu verwandeln. Niemals geht mir auf diesem Weg nämlich Behtusamkeit ab, Geduld oder Liebe. Das Ergebnis ist, dass ich mich immer schneller und zugleich sanft entwickle.

Meine Art ist Hingabe. Alles, was ich auf diesem Weg lerne - Stillsein, Hinschauen, Mut, Wachsamkeit, Eins-Sein, Wahrhaftigkeit, Liebe, Kraft und Sanftheit - gebe ich zurück ins Kollektive Unterbewusste. Wenn einer mehr lernt, können alle mehr lernen. Die spezielle Konstellation die mein Ich ausmacht, lernt bestimmte Dinge besonders einfach, besonders tiefgründig. Kein Mensch macht seine Erfahrung nur für sich alleine, das Gelernte geht immer auch an alle anderen.
Und ich sehe um mich herum mit welchen Kräften ich es zu tun habe. Es ist erstaunlich.


Diesen Weg gehe ich nicht um Gottes Willen, sondern um der Menschen Willen. Das, was ich bin, möchte ich zu einem klaren, starken Gefäß formen. Mein Wunsch ist es, zum bestmöglichen meiner Ichs zu werden, jeden Wimpernschlag ein Stückchen mehr (Paradoxon: wir sind in jedem Augenblick perfekt, ich weiß...). Ich habe festgestellt, dass ich um so mehr tragen und bewegen kann, je mehr ich mich hingebe und auflöse.

Ich schreibe davon nicht, weil ich insgeheim auf Bravo-Rufe o.Ä. hoffe; auch nicht um irgendjemand von mir zu überzeugen. Ich bin über mein Bekenntnis sogar ein wenig beschämt (weil, wie gesagt:
Menschen eher öffentlich über ihre perversesten sexuellen Vorlieben/Gelüste plaudern, als über ihren Glauben und ihr religiöses Empfinden.)
Mein Beweggrund: zu üben, meinen Kern in irgendeiner Form zu vermitteln. Für andere, aber auch für mich, um Klarheit zu gewinnen. Meine eigene Scheu zu überwinden, für alles Worte finden zu können bloss für das nicht, was mich von Innen heraus bewegt. Und meiner Angst zu begegnen, mich lächerlich zu machen. Bin zur Zeit damit beschäftigt, das "Was-werden-die-anderen-denken?" und "Versteht-mich-auch-wohl-niemand-falsch?" in mir auszuhebeln.

Ah...


Donnerstag, 25. Jänner 2007

an die musik

Heute im Radio ein Beitrag über die King's Singers. Die kristalline Intonation dieses Ensembles und die eigentümliche Schwingung der menschlichen Stimme haben mich zurückgeworfen in die Momente, in denen ich selbst (in Chor oder Orchester) von Klangwellen umspült, gebeutelt oder vom Hocker gerissen wurde. Eine Zeitreise:

5. Monat: zu "Also sprach Zaratustra" gebe ich meine ersten Lebenszeichen von mir.

9. Monat: "Figaros Hochzeit" gefällt mir so gut, dass meine Eltern beschließen, eine der Hauptfiguren auf die Liste der Lieblingsnamen für mich zu setzen.

Ich bin 4 und mein Vater spielt mir einen Debussy; ich tanze ums Klavier.



Ich bin 5 und verliebt in den Sänger auf dem Schallplatten-Cover von "Don Giovanni".

Ich bin 9 und besitze meine erste CD: Fritz Wunderlich singt Schumanns Dichterliebe, Schubert- und Beethoven-Lieder. Ich höre praktisch nichts anderes mehr. Im Booklet lese ich mit Entsetzen, dass der gute Mann mit 36 beim Sturz von einer Stiege ums Leben gekommen ist - meine erste bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod...

Ich bin 12 und entdecke Gershwin's Rhapsody in Blue. Ich schwebe, torkle mit der Klarinette, tanze, tanze, tanze... (hier Teil 2, ich denke, ab der 3. Minute ist alles klar...) Dann erklärt mir die Tanzlehrerin, ich sei ein Elefant (Zeit meines Lebens weigert sich mein Becken, im Spagat den Boden zu berühren...); ich räume mein Tanzzeug in den Kasten.

13: mir erschließen sich die Freuden der Musikanalyse. Besser als Kreuzworträtsel!

14: eine Freundin schenkt mir eine Portishead-Platte. Ich liege auf einer Decke im Garten, dass Surren des Kassettenrekorders neben mir, und gebe mich dem Weltschmerz hin.

15: mein erster Freund macht mich mit PinkFloyd bekannt. Jahre des stundenlangen Lauschens, Platten-Umdrehens, Zurückspulens und Analysierens folgen.



In der Oper Eugen Onegin legt die Tatyana eine derart hinreißende Brief-Arie hin, dass das ganze Haus eine Gänsehaut bekommt und minutenlang den Atem anhält.

16: ich stehe im Chor und singe das Weihnachtsoratorium. Gegen Ende verschlägt es mir plötzlich die Sprache, ich verstumme und höre einfach nur zu - zum ersten Mal liegt die Struktur der Musik glasklar vor mir, ich verstehe für einen Augenblick, worum es Bach ging.

Einige Wochen später stimmt in der Londoner U-Bahn eine Handvoll Afrikaner lauthals in unser schüchternes Summen ein - drei Stationen lang bebt der Zug, dann müssen wir aussteigen. Lachen, Scherzen, verblüffte Briten.

Ich bin 17 und wurde auf der Musikuni aufgenommen. Meine Hassliebe zum Tonsatz verwandelt sich endgültig in Liebe; mein Gehör wird feiner; ich lerne, das Instrument als Verlängerung des Körpers zu verstehen. Mein Atem, meine Muskeln, meine Erdung wollen trainiert werden, um jegliche Regung, Stimmung und Nuance zum Ausdruck bringen zu können - und dabei neutral und klar zu bleiben; das ist die Kunst!

Bei Proben in Orchester und Ensemble darf ich erleben, was es heißt, wenn Musiker zu einer großen Maschine werden. Als Solistin beginne ich, die Bühne zu lieben und ihre Regeln zu begreifen.

Ich bin 20 als ich erstmals flüchtig einen Einblick in das bekomme, was man Meisterschaft nennt. Die Trennlinie zwischen mir und dem Holz in meinen Händen löst sich auf; ich experimentiere stundenlang; die Welt versinkt.

Gleichzeitig vergieße ich Tränen wegen meiner schwachen Finger, meiner schmerzenden Gelenke; den Grenzen meines Körpers.

21: ich sitze an der Analyse zu Richard Strauß' "Morgen!", die mir nicht vollends gelingt; stattdessen staple ich alle auffindbaren Aufnahmen über meiner Anlage (Lieder, Opern, Symphonien) und lasse mir von diesem großen Tonmaler (und Psychologen) die Regungen der menschlichen Seele zeigen; finde Trost, Leidenschaft, Sinn.

Ich bin 22, nehme mir eine Auszeit. Ich werde keine Musikerin werden, das weiß ich schon lang. Dabei liebe ich mein Instrument, die Musik... Ich kann es mir nicht erklären, das macht aber nichts. Einige denken, die Jahre wären umsonst gewesen; so ein Schmarrn. Es ist nämlich so:

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!
Schuberts An die Musik, in einer wunderbar intimen Aufnahme der Schwarzkopf (hätte Euch eigentlich gerne einen Wunderlich aufgelegt, tja...). Mehr gibt's eigentlich nicht zu sagen: Danke.

Bilder: Paul Klee, Rothko, Chagall

Samstag, 6. Jänner 2007

traum-gewebe

Bin also seit ein paar Wochen in meiner neuen alten Haut.
Am meisten Schwierigkeiten bereitet mir das Zimmer, in dem ich die Wochen vor meiner Abreise geschlafen, geträumt, geschrieben und getanzt habe. Die Erinnerungen haben sich tatsächlich wie ein Netz um mich gelegt, als ich nach Monaten wieder über seine Schwelle gestiegen bin.

Damals war Schweden noch das große Unbekannte, die große weite Welt; meine Aufregung brodelte unter der Oberfläche. Ich hatte die meisten Taue schon gekappt und stand die letzten Wochen vor meiner Abreise innerlich wie im Niemandsland. Unheimliches, schönes Gefühl.

Dieser Raum war eine Zauberhöhle, mein Zufluchtsort. Damals noch mit ständig geöffneter Balkontür; die Tanne vor dem Fenster vertrieb die Insekten und wehte mir dunkel-moosige Träume durchs Zimmer. Im Regal schliefen Steine, Zapfen, Muscheln, Schneckenhäuser, Federn, Äste, Rindenstückchen - sprachen mir manchmal Mut zu für die Reise...

Jetzt ist mir das Wirrwarr der Stimmen in diesem Raum zu viel. Ich fühl mich nicht wohl - ich habe in Lund ein gutes Gespür für Räume entwickelt, fällt mir jetzt auf. Und hier bekomme ich den Eindruck, dass mir ständig was im Nacken sitzt. Wie in jedem Zimmer gibt's hier auch zwei oder drei "Müllhalden" - meistens sind es die, die einem im Nacken sitzen. Und meistens wird's mir nach ein, zwei Wochen zuviel und ich miste genüßlich aus. Diesmal ist es anders. Ich schaff es irgendwie nicht, jeder Anlauf erstickt im Keim. Jetzt erst habe ich unter Mühen meinen Koffer endlich entleert...

Die Schwingungen waren an den ersten Tagen so stark, dass ich das Gefühl hatte, aus einem Traum zu erwachen. Lund, Schweden, die Menschen, die Freunde,... alles entglitt mir plötzlich, mein Leben dort konnte ich auf einmal nur schemenhaft erinnern und je mehr ich an der Erinnerungen zerrte, desto schneller war sie in eine dunkle Gehirnwindung zurückgekrochen; ... es war unheimlich.

Jetzt wo mein Hirn sich wieder halbwegs Orientierung verschafft hat, kommen auch die Erinnerungen zurück; gemeinsam mit dem Wissen, dass ich ja nur vorübergehend zurück bin. Hatte ständig kalte Hände und Füße seit ich hier bin, jetzt taue ich langsam auf. Beobachte relativ entspannt und belustigt, wie ich in alte Fußstapfen steige - eigentlich aber bemerke ich, wie viel neue ich in der Zwischenzeit getreten habe.

Fazit: Lund IST mein Paradies.
Mein Neujahrsvorsatz hat sich dieses Jahr ganz von selbst vorgesetzt:

mein Leben noch mehr ausquetschen, noch mehr in den Moment hineinatmen, die Köstlichkeiten kosten -
mehr gibt's nicht zu schreiben.

Samstag, 30. Dezember 2006

rauhnachts-meditation n°6

6. Rauhnacht: 9 der Kelche


Karte aus dem Crystal-Tarot
Zu nehmen, zu geben des Glückes Gaben,
Wird immer ein groß Vergnügen sein.


Goethe

Freitag, 29. Dezember 2006

rauhnachts-meditation n°5

5. Rauhnacht: Prinzessin der Kelche


Karte aus dem Goddess Tarot

Ich lese Luisas Buch Das Gras wachsen hören. Die spirituellen Fähigkeiten des Körpers jetzt zum ... ca. 3. Mal. Und dieses eine Kapitel - Sex und spirituelle Energie - liegt mir schon wieder quer in der Kehle. Beim Bild der Prinzessin der Kelche muss ich daran denken.

Männer sind faul. Trotz der dramatischen Veränderungen, durch die Frauen gegangen sind, verhalten sie sich immer noch, als hätten sie es gar nicht nötig, auf Frauen einzugehen oder über ihr Verhalten und die Grundmuster von Beziehungen nachzudenken. Stattdessen machen sie den Frauen Vorwürfe: Weil ihr so stark seid, suchen wir uns Schwächere, "Emanzen" als Auslöserinnen für Kinderprostitution? Auf die Idee, endlich einmal an den verkrusteten Strukturen der Mann-Frau-Beziehung zu arbeiten, kommt kaum ein Mann.
S. 90 f

Frauen sind fair. Sie schreiben selten Bücher, in denen sie sich über die Versuche der Männer lustig machen, mit einer Frau "guten" Sex zu haben.
S. 86 f

Wenn Frauen so ehrlich wären wie in Frauengruppen, würden sich Männer nicht mehr ohne ihren Therapeuten auf die Straße trauen.
S. 86

So.
Ich werde mich hüten, die Sauereien, die Frauen immer noch und immer wieder, rund um den Globus, im Verborgenen und in der Öffentlichkeit erdulden müssen, hier schön zu reden. Ich will sie auch nicht übersehen. Ich will nur über was anderes schreiben. Nachdem viele Frauen (und Männer) Luisas Bücher lesen, gehe ich davon aus, dass sich eine nicht unerhebliche Zahl in dem Geschriebenen wieder erkennt. Und wer bei den obigen Auszügen "Ja! Stimmt!" gerufen hat, dem möchte ich sagen: es gibt Licht am Ende des Tunnels.

Es wird persönlich. Aber anscheinend muss es ja sein. "Wenn Frauen so ehrlich wären wie in Frauengruppen..."

Zunächst einmal: vielleicht ist es eine Generationsfrage, vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie "neue Männer", vielleicht hab ich Glück gehabt, oder die Luisa Pech, vielleicht ist es einfach das Leben, jedenfalls: in meinen Beziehungen und Liebschaften hab ich das so nicht erlebt. Die Männer, denen ich selbst mein Herz nicht gänzlich öffnen wollte (Hosenscheißer-Symptom), lasse ich hier einfach aus. Denen, die ich geliebt habe und liebe, kann ich guten Gewissens ein "Sehr gut!" ausstellen.


Alles Männer, die mich auf der Suche nach der Weibskraft nicht nur unterstützt, sondern in Riesenschritten weitergebracht haben. Männer, die bereit waren, der Wilden zu begegnen. Und, für mich besonders schön: sie haben mich auch den Wilden Mann kennenlernen lassen und mein Vertrauen in meine eigene Männlichkeit gestärkt.
Diese Lieben haben meine spirituellen Kanäle nicht geschlossen, wie von Luisa behauptet wird, sondern sie im Gegenteil weit geöffnet. Dementsprechen wurde auch der Sex zum Gebet, zu einem Tanz, einem Ausdruck purer Lebensfreude und Liebe.

Es wird gerne behauptet, dass Männern die Auseinandersetzung mit der wilden Ursprünglichkeit einer Frau Angst macht; dann werden sie gerne als Schwanzeinzieher gehandelt. Frauen, die aus Angst vor dem Einlassen Schaden bei sich und anderen anrichten, kommen meist ungeschoren davon (oder mit dummen "Ah, die Weiber..." - Kommentaren). Vielleicht ist das nur gerecht (Frauen die sich einlassen, werden ja auch recht häufig wieder "zurechterzogen"). Schwanzeinzieher gibt's bestimmt zur Genüge. Zum Thema "Wildheit" möchte ich nur kurz anmerken, was mir ein Freund einmal erzählt hat - es war ein sehr persönliches Gespräch, aber ich denke, unter diesen Umständen darf ich es erwähnen:

Er hat mit Frauen geschlafen, die sich selbst wahrscheinlich als "wild" bezeichnet hätten. Kratzen, beißen, schreien - alles dabei. Er war verliebt, hatte den ehrlichen Wunsch, den Frauen nahe zu sein, sich vorzutasten, zu forschen, Liebe zu machen. Es ging nicht, weil er irgendwann feststellen musste, dass sie ihre Körper "abgeschaltet" hatten, da ging nix durch außer beinah roher Gewalt. Sie hatte keine rechte Freude daran, er auch nicht, also haben sie geredet. Das fand ich sehr lustig, weil es ja oft heißt, dass die Männer zu den Prostituierten gehen, um "einfach nur zu reden"... Ja klar, ein guter Liebhaber muss schon sozusagen mit dem Hirn einer Frau Liebe machen können.

Meine Mutter hat mir erzählt, dass manche ihrer Klienten - besonders Frauen - bei der Shiatsu-Massage gewisse Berührungen einfach nicht spüren, selbst wenn sie mit der ganzen Hand und recht beherzt zugreift. Nix da. Körper ausgeschaltet. Warum das so ist, ist in jedem Fall verschieden, aber es hat fast immer auch was mit der Angst vor der eigenen Kraft zu tun.

Ich denke nicht, dass mit "Wildheit" diese fast schon körperliche Gewalt gemeint ist. Ich bin dieser Form von Vorlieben einmal begegnet und durfte sie frohen Herzens unter "Nein, nicht nochmal" einreihen.


Bei der Prinzessin der Kelche geht es für mich um die Entfaltung der weiblichen, wässrigen Kraft - sanfte Stärke, sagen die Chinesen. Wasser trägt über kurz oder lang jedes Hindernis davon. Fällt es von der Klippe, zerschellt es nicht am Boden - es kommt wieder zusammen. Das ist also keine Wildheit, die kratzt und beißt, finde ich (außer sie möchte, hehe), eher wie ein wilder Gebirgsbach - der natürlich ebenso furchteinflössend und ehrfurchtsgebietend sein kann - weil ihn einfach nichts zurückhält.

Ich habe als junges Mädchen häufig davon geträumt, eine Frau befriedigen zu müssen. Das waren riesenhafte, wilde, unheimliche Frauen, bei denen ich einfach nicht wusste, wo ich anfangen soll. Ich hatte panische Versagensangst. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich vor meiner eigenen, wilden Ursprungskraft keine Angst mehr hatte. Ab diesem Zeitpunkt haben sich auch diese Träume verändert, ich wurde zur Handelnden, tauchte in mir selbst unter, fühlte mich geborgen und voller Kraft. Ich kann jetzt zum Mann werden, wenn ich möchte; und habe erfahren, dass in einer Beziehung zwei Paare zusammenkommen: Mann und Frau, seine Anima, ihr Animus.

Jeder Mann, der angesichts der großen Aufgabe, eine Frau zu befriedigen, zittrige Knie kriegt, hat also mein ganzes Mitgefühl. Ja, Frauenkörper sind komplexer, verschachtelter, anders vernetzt. Selbst hochsensible Männerkörper sind häufig weniger empfindlich als Frauenkörper, die Lust spielt sich noch mehr im Hirn ab. Eine Frau kann sich bei der Zeitungslektüre einen runterholen, darüber staunt der Mann nur so. Aber statt die Männer darob zu bemitleiden, oder sie sensibler machen zu wollen, kann man die ganze Sache ja umkehren und als Glück ansehen - weil sich beide Seiten wunderbar ergänzen.

Ja, klar, faule LiehaberInnen gibt's genug. Aber ich gehe wieder nach dem Spiegel-Prinzip: wenn mich ein Sex ungesättigt und unglücklich zurückgelassen hat, dann war ich eben noch nicht bereit für was "Besseres". Wenn ich keinen Orgasmus habe, dann liegt's nicht am anderen - der kann noch so hingebungsvoll werkeln, wenn etwas in mir nicht aufmachen mag, dann eben nicht. Der Körper hat schon seine Gründe.