Posts mit dem Label ashtanga yoga werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label ashtanga yoga werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 18. Juni 2008

ein paar gedanken zu wandel und dauer

Meine Freunde haben sich wieder über den Erdball verteilt. Es fällt mir nicht schwer, die Menschen loszulassen. Aber die Gemeinschaft, die an einem Ziel gearbeitet hat, ist wieder verstreut. So soll es sein - und trotzdem fühlen wir uns alle plötzlich sehr klein; sehr allein.

Ungewisse Phasen lösen bei mir einen Mechanismus aus, der mich alle Antennen ausfahren lässt und alarmbereit hält. Ich befinde mich dann in einem Niemandsland zwischen totaler Aufmerksamkeit, Kopflosigkeit und Erwartung. Ich warte, welche Türe sich öffnen wird (bis jetzt lag hinter dem Nebelschleier immer nur Gutes) und in der Zwischenzeit suche ich mir etwas zum Festhalten.

In diesen Phasen erfahre ich besonders deutlich alle meine Tugenden und noch nicht integrierten Schattenseiten nebeneinander. Ich entfalte unglaubliche Disziplin, Stärke und Wachsamkeit und im selben Maße steigt die Unruhe und Raserei in meinem Geist. Oder vielleicht nehme ich einfach nur verstärkt wahr, dass ich kaum etwas mit ganzer Hinwendung mache; ... dass ich drei Runden Spider-Solitär spiele während der Browser lädt; auf der Uni ans Essen denke, während dem Essen ans Üben denke, und während dem Üben an die Erlagscheine.

Während ich ungekannte Geduld aufbringe und mich in Demut übe, vergleiche ich mich mit anderen; lande höher oder tiefer auf dem gedachten Podest; bin in einem Augenblick die Königin der Welt, im nächsten zu nichts nütze. Im einen Moment gebe ich nach und lasse los; im Nächsten klage ich an, schimpfe, suche.

Ich genieße den Prozess; die Wogen sind das Einzige, woran ich mich festhalten kann. Anscheinend weiß ich mit handfesten Krisen, Angst, Scham oder Panik besser umzugehen, als mit monotoner Abgestumpftheit, in der es mir weder richtig gut noch richtig schlecht geht.

Und Yoga erweist sich wieder einmal als mein Anker, mein Kompass und mein Schiff zugleich. Es erstaunt mich selbst, dass sich meine Praxis immer weiter vertieft. Im Laufe der Monate und Jahre nimmt die Fruchtbarkeit dieses Bodens nicht etwa ab - und ich erkenne mit der größten Freude, dass inmitten meines Lebens einen Pol von lebendiger Dauer gewachsen ist, der sich beständig ausweitet.

Ich bin ein flatterhafter Mensch, lebe ein bisschen im Wettstreit mit mir selbst und lege mir gelegentlich Steine in den Weg, nur um drübersteigen zu können. In mir liegt eine Furcht, nichts entdecken zu können, abzustumpfen oder zu versacken. Eine Furcht davor, der Strom des Lebendigen könnte versiegen, oder davor, den Weg zur Quelle nicht zu finden. Was mich gelegentlich antreibt, ist die Scham, nicht zu genügen. Was mich zurückhält, die Angst, falsche Schritte zu wagen.

Denn eine Qualität von Dauer habe ich in mir und in meinem Umfeld (bis vor einigen Jahren) nur selten erlebt. Ich meine mit "Dauer" einen beständigen Fluss neutraler Liebe in zwischenmenschlichen Beziehungen, der von Egos, Raum oder Zeit nicht unterbrochen werden kann.

Ich war mir auch der Bedingungslosigkeit solcher Dauer nicht bewusst. Dass sie tatsächlich auch dann besteht, wenn ich ganz aus meiner Mitte gerate und so gar keine Yogini bin.

Und nun finde ich beide Seiten vereint; die Bewegung und die Dauer: Ich stelle nicht nur fest, dass mich eine Sache nach langer Zeit immer noch immer weiter überraschen, anziehen und befriedigen kann. Ich freue mich an dem stabilen Gefährt, das ich mir gebaut habe und mit dem ich bis jetzt sicher unterwegs bin.

Ich bin dankbar und freue mich über die Zuversicht und Lebendigkeit, mit der ich die scheinbar leere Seite aufschlagen kann.

Die nächsten Wochen werden voraussichtlich ebenso turbulent, wie die vergangenen. Der Umbau in meinem Innenleben führt zu schöpferischer Leere auf meinem Blog. Ich brauche viel Zeit - ich hoffe, ihr harrt mit mir aus.

***

Im Traum heute Nacht spreche ich mit einem Mädchen. "Die Guten bekommen nicht den einfachen Weg. Die Guten gehen den Berg hinauf." Ich sehe Sam, der Frodo den Berg hinaufschleppt - nicht wie in Jacksons Verfilmung - mein eigenes Kopfkino. Das fällt mir ein, als ich heute einen Hügel hinauf radle. Muss schmunzeln.

Dienstag, 4. März 2008

innenräume - svadhyaya

svadhyaya

Studium, Untersuchung, Erforschung des zu mir Gehörigen; nahe an etwas herantreten; Betrachung


Einer der fünf Niyamas, Qualitäten der persönlichen Entwicklung.







Wir hatten in Schweden einen riesigen Kühlschrank mit einer Unzahl von Magneten, der von einem der Mädchen zur offiziellen Pinwand erklärt wurde. Jede Woche sollten wir da den momentanen Stand unserer Lebensweisheit festhalten. Etwas Tiefsinniges sollte es sein, also kritzelte ich irgendwann 'Your breath is a doctor' auf ein Post-it und klebte es zwischen die Stundenpläne. Die Botschaft war vorrangig als Aufmunterung an mich gedacht. Von den anderen wurde der Zettel schräg angeschaut, fiel dann auch bald ab und wurde in den Müll gekehrt; hat sich aber interessanterweise für mich in einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung im Laufe der nächsten Monate bewahrheitet.


Wenn sich Menschen/Medien über "Esos" amüsieren, dann wird häufig das Atmen aufs Korn genommen: ein paar tiefe Atemzüge, gütig lächeln, vielleicht ein 'Om' drüber streuen und alles ist wieder eitel Wonne. Zumindest in der Praxis mit der ich vertraut bin - dem Yoga - wird die Bedeutung des Atems gar nicht oft genug unterstrichen. Einige gehen so weit zu behaupten, dass alles außer dem Atem nebensächlich wäre.

Der Atem ist so eine banale Angelegenheit, er 'passiert uns' nebenher. Beim Unterrichten ist mir oft aufgefallen, dass es ein bestimmtes Alter gibt, in dem Kinder (v.a. Mädchen) das natürliche Atmen verlernen, was kaum jemandem auffällt. Sie können einfach nicht mehr in den Bauch atmen. Viele Menschen haben keinerlei Kontrolle über ihren Atemapparat; können Intensität, Dauer und Gleichmaß der ein- und ausströmenden Luft nicht steuern.

Eine Schülerin - sie war 9 - begann von einem Monat zum anderen, den Ton zu pressen und litt beim Spielen plötzlich unter ständiger Atemnot. Sie war sehr aufgeweckt und nahm genau wahr, wie die Verkrampfung ihres Körpers ihr buchstäblich die Luft raubte. Die Tatsache, dass es ihr nicht ohne weiteres gelingen wollte, sich selbst die tiefe Atmung wieder zu erlauben, machte sie rasend. Mit jedem Versuch, eine tiefe Atemwelle durch den Körper zu schicken, brandete diese an einer Hürde (häufig Bauch-Rücken-Muskulatur) und machte ihr damit die innere Eingeklemmtheit deutlich. Tränen der Wut und der Scham waren in diesen Wochen nicht selten. Ich durfte mitverfolgen, welche Herausforderung das Atmen bedeuten kann und wieviel Überwindung und Mut dazu gehören können, sich wieder zu einem heilsamen Atem vor zu arbeiten.





Der Atem ist die ursprünglichste Sprache. Die Callas war legendär, weil sie die Atempausen in die Musik mit einbezog. Verliebte berauschen sich am Atem des Schlafenden an ihrer Seite. Der Atemzug, der uns weitet und dehnt, erfüllt uns und hilft uns, die Begrenzung und Form unseres Körpers im Raum wahrzunehmen. Wir schnauben im Zorn, schnappen im Schrecken nach Luft, seufzen beim Anblick schöner Dinge. Wir atmen tief durch; lösen Sorgen; saugen Wohltuendes ein - alles mit dem Atem.


Atem verbindet. Wir atmen alle dieselbe Luft. Wenn wir gut durchgelüftet sind, reisen Infos leichter durch den Körper - wir denken schneller, sind fröhlicher, scheiden Müll leichter aus. Wir leben, weil wir Luft dazu haben. Wir sprechen zueinander, solange es Puste dazu gibt. Wir kommen auf eine Wellenlänge, wenn wir im Einklang atmen. Eltern hauchen aufgeschlagenen Knien Genesung ein. Wir blasen uns Küsse zu. Über die Luft kommen allerhand unsichtbare Dinge zu uns.

Im Atem liegt tatsächlich der Schlüssel zur Kraft des Menschen. Eben weil er uns jederzeit zugänglich ist; weil niemand darüber nachdenken muss. Es braucht nicht einmal Atempraktiken dazu. Es ist wirklich unerhört einfach. Es kostet nicht einmal Geld.

Ich muss nur aufmerksam sein. Willens, dem Hauch, der mich von Anfang an am Leben hält, zu zu horchen. Was ist in der Zwischenzeit aus ihm geworden? Vielleicht halte ich 30 Sekunden lang die Luft an, um die Freude über meine Lungen wieder zu spüren.


Und es beginnt die Reise - an Orte, die der Atem schmerzlich aufwühlt und an solche, die der Luft mit Glücksgefühlen antworten. Hinein in einen Raum in der Mitte des Körpers, der mit der Zeit immer offener und freier werden wird, an dem ich mich sammeln kann und alles finde, was ich brauche oder wissen will.

Samstag, 27. Oktober 2007

niyamas: schaucha

Schaucha
Reinheit des Körpers, des Geistes und der Seele

Eines der 5 Niyamas, den allgemein gültigen Qualitäten im Umgang mit uns selbst.






In den Asanas erleben wir über unseren Körper sehr direkt die Auswirkungen eines unharmonischen Lebensstils. Wir spüren unsere An- und Verspannungen und unsere Steifheit, Erschöpfung, Müdigkeit oder Ruhelosigkeit und Überdrehtheit. Wir nehmen wahr, wie negative und destruktive Emotionen und Gedanken uns verunreinigen und hemmen, wie der Neid uns vergiftet oder die Angst uns lähmt. Und es entsteht auf eine natürliche Weise der Wunsch nach "Reinigung", nach Veränderung.

Aus: Flow Yoga. Meditation in Bewegung, von Beate Cuson


Das Thema Reinigung beschäftigt mich schon sehr lange. Ich merke schnell, wenn mich ein Erlebnis, ein Gedanke oder eine körperliche Empfindung verschmutzen. Das Gleichgewicht geht verloren, die Gedanken zischen kreuz und quer, der Körper wird schwer, alles verstopft.

Manches kriegt der Körper von selbst wieder in die Balance, manches bleibt unerkannt lange in einem und richtet schweren Schaden an. Das eigentlich Mühsehlige an der Reinigung ist selten das "Waschen" selbst, sondern die Überwindung dazu. Wie beim Sport oder beim Arbeiten. Wenn man einmal dabei ist, geht es meist locker von der Hand, aber bis dahin...

Negative Gefühle, hassvolle Gedanken etc. machen den Menschen nicht schlecht. Sie müssen nicht ausgetrieben werden, weil sonst der Teufel kommt, oder unsere gerechte Strafe. Ich werde im Spiegel des Lebens freilich genau das erblicken, was ich selbst ausstrahle. Aber innerliche Hygiene sollte man nicht aus Angst betreiben, dass einem das Leben sonst eins überbrät. Der Grund, warum Schaucha gut und wichtig ist, ist sehr schlicht: wer einmal vollkommen sauber und klar war, kennt ihn. In diesem Zustand sind die Gedanken geschmeidig und ruhig, auf den Lippen liegt das Lächeln der zufriedenen Vergnügtheit, die Haut ist weich, der Körper ist warm, leicht und biegsam. Man findet die richtigen Worte, sieht klar, hört richtig, denkt mit Liebe und handelt mit Verstand. Der einzige Grund für Reinigung ist das Bedürfnis, sich so oft wie möglich so heil fühlen zu können.

Aber wie putzt man sich eigentlich innerlich? Es gibt viele verschiedene Techniken und alle möglichen Richtungen und Schulen, von bodenständig bis abgehoben. Elemente-Reinigung, Bewegung, Visualisationen, Meditation, Geißelung... Ich fühlte mich lange zum Schmutzig-Sein verurteilt, denn nichts funktionierte. Was mir dabei nicht klar war - und das lag wohl an der Wortwahl "Reinigung" - war die Natur dieses Prozesses. Der ist nämlich grundsätzlich verschieden von der Art und Weise, wie wir unsere Körper, unsere Kleidung und unsere Autos waschen. Die "Reinigung" von Zorn, Angst, Scham etc. funktioniert nämlich nicht so, dass Belastendes aus dem Körper getrieben wird, wie der Fleck aus dem Hemd. Das musste ich schmerzlich erfahren, als bei jedem "Abtreibungsversuch" der Zorn in mir umso stärker in mir aufflammte. "Ich gehe nicht!", brüllte er und trieb mir die Rauchwolken aus den Ohren. Was macht man, wenn ein Fleck mit jedem Waschgang hartnäckiger wird? Nach vielem Hadern kam dann doch noch die Erkenntnis: ein Hemd mit Fleck ist vielleicht kein gutes Hemd, aber ein Mensch mit Zorn muss nicht waschen, sondern ordnen. Böse Gedanken oder Gefühle gehören nicht raus, sondern einfach an den richtigen Ort. Als ich meiner Wut erstmals nicht die Tür wies, sondern sie in mir an ihren richtigen Ort zu leiten versuchte, wurde sie plötzlich handzahm. Nach einigem Üben wurde sie wieder zu dem was sie ist: Stärke, Mut, Durchsetzungsvermögen.

Kennt noch jemand den Rubik-Würfel? Das Prinzip ist ähnlich (und die Erfolgschancen höher - zumindest bei mir).





Ableitende Yogaübungen sind vor allem die Drehungen. Man kann aus beinahe jedem Asana einen Twist machen. Wichtig ist immer, die Drehung mit gut aufgerichtetem Rumpf zu beginnen. Die Einatmung lässt die Wirbelsäule vom Steißbein in die Höhe wachsen. Der Ausatem macht den Körper geschmeidig für die Drehung, die Energie ergießt sich vom Scheitel über den Rücken, die Aufrichtung bleibt dabei erhalten. Mit dem Atem entsteht ein innerkörperlicher Puls. In der Vertikalen wechseln Wachstum und das sich nach unten Ergießen. In der Horizontalen spürt man Erfüllung/Ausdehnung und Entleerung bzw. Entspannung.

In diesem Tanz, der sich in alle Richtungen ausbreitet, ist das Körperzentrum das Auge des Sturms. Nicht die Arm- und Beinkraft drücken den Rumpf in die Drehung. Es sind die Bauchmuskeln, die für den Twist verantwortlich sind. Im Drehsitz zum Beispiel kann man immer wieder die Arme heben, um festzustellen, ob der Bauch die Stellung hält, oder doch nur die Oberarme. So wirkt die Drehung zwar äußerlich weniger tief und spektakulär, kommt aber aus der Mitte und besitzt damit echte Tiefe und Verwandlungskraft.

Sonntag, 30. September 2007

yamas: asteya

Asteya

Nicht-Stehlen, das Recht anderer nicht verletzen, Großzügigkeit


Ich gehe durch eine Phase der ständigen Sorge. Zum ersten Mal in meinem Leben begegne ich existentiellen Ängsten, die nichts mit der Todesangst zu tun haben, die mich jährlich in Schüben bei Winterbeginn und im Frühjahr besucht. Ich fürchte mich auf einmal nicht mehr vor meiner persönlichen Endlichkeit, sondern vor der schrecklich kurzlangen Spanne, die es "bis dahin" noch sinn-voll zu machen gilt. Ganz nach dem Motto:


„Wie kriege ich die Zeit vor meiner Beerdigung noch rum?“

Ich bin überrascht von dieser mich ständig überrumpelnden Lebensfurcht und von der Heftigkeit der Sorgen-Schleife, die mich von einem „Problem“ zum nächsten schleudert, während ich bei Sonnenschein mit Tee auf dem Sofa sitze (und nicht hungrig unter der Brücke). Da sehe ich mich aber schon enden und fühl ich mich, als würde ich im freien Fall durch das Netz der Schöpfung stürzen, zu klein für jede Masche – ein zu unbedeutender Fisch, und zugleich ein ganz armer.
Nebenher beschäftige ich mich halbherzig mit Asteya und irgendwann geht mir der Knopf auf. Das eigentliche Problem sind ja nicht die Probleme, sondern die Natur der Sorge: zwar ist sie völlig zwecklos, hat dabei aber einen hohen Suchtfaktor. Bequem ist sie auch; eine scheinbar natürliche Reaktion auf alle Hindernisse und Unergründlichkeiten. Und wie kraftlos das Sorgen macht! – da hält nicht einmal der anstrengendste Versuch, ein Hindernis zu überwinden, mit.

Da liegt sie plötzlich sonnenklar vor mir, meine Aufgabe des Augenblicks: das Sorgen nicht nur als zwecklosen Zeitvertreib zu erkennen, sondern als gemeinen Diebstahl. Es geht dabei nicht nur um den Raub des Antriebs, sondern auch darum, dass durch das Suhlen in Zweifeln und Sorge der Mensch seine grundsätzliche Fähigkeit, Verantwortung und Da-Seinsberechtigung zu vergessen beginnt. Ganz davon abgesehen, dass er sich um die Entwicklung von Vertrauen, Hingabe und Gelassenheit bringt.
*~*~*

Und nebenbei: schon komisch, dass wir so ganz natürlich und selbstverständlich mit diesem Hirngefängnis „Sorge“ aufwachsen, Stichwort: Vor-Sorge (sich schon im Voraus sorgen), Sorg-Samkeit (manche meinen damit Gründlichkeit, die hat aber nix mit Angst zu tun), Für-Sorge (mich für den anderen gleich mitsorgen, vielleicht hilft es ja…). Vielleicht nur Wortspiele, aber sie deuten dennoch an, für wie berechtigt die Sorge gemeinhin gehalten wird. Ein "sorgloser Umgang" wird ja üblicherweise nicht so gerne gesehen...
"Warum vorsorgen?" fragt diese Bank und gibt die
Antwort:

"Ihre Sorgen möchten wir haben"

... und die Verantwortung übernimmt die richtige
Bank/Versicherung...

Juhu, Sorgen machen - aber richtig!

(Für Nicht-Österreicher: der nette Herr links ist von der Bank, der Papa rechts hat gegen diesen Babysitter anscheinend nichts einzuwenden.)

Dienstag, 4. September 2007

yamas: satya

satya
sanskrit für: Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Wahrheit


Weitere Bedeutungen:
  • Wahrhaftigkeit als Unwandelbarkeit. Satya ist das, was immer ist und keinerlei Veränderung unterliegt. Der menschliche Geist im Zustand der Zerstreuung, der menschliche Körper, der Wandel des Lebens im Allgemeinen sind damit nicht Satya. Wahrhaftigkeit beschreibt den unveränderlichen Kern, das Ewige hinter dem Fluss der Ereignisse.
  • Satya als Höchstes Bewusstsein (purus'a). Es vereint Ehrlichkeit mit Gewaltlosigkeit (ahimsa):

"Bevor du sprichst, frage dich: ist es ehrlich, ist es sanft, ist es besser als das Schweigen?"


Ein Fürst aß mit Vorliebe gedünstete Tomaten. Er konnte sich nicht satt davon essen. Er hatte sogar einen besonderen Diener, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die Tomaten so schmackhaft, wie nur möglich zuzubereiten. Der Herrscher schwärmte: „Wie herrlich ist doch dieses Gemüse. Wie göttlich ist ihr Geschmack. Wie prächtig sie aussehen! Gedünstete Tomaten sind das Beste, was es auf derErde gibt.“ „Jawohl, mein Herr,“ antwortete der Diener.
Am gleichen Tag noch aß der Herrscher in seiner Gier so viele Tomaten, dass es ihm schlecht wurde. Der Magen drehte sich ihm um und dieTomaten erblickten auf umgekehrtem Wege wieder das Tageslicht. Er stöhnte: „Nie wieder gedünstete Tomaten. Dieses hinterhältige Gemüse will ich nicht mehr sehen. Allein ihr Anblick und der Gedanke an sie erzeugen mir Übelkeit. Tomaten sind das scheußlichste Gemüse, das ich kenne.“ „Jawohl, mein Herr,“ antwortete der Diener. Da wurde der Herrscher stutzig. „Heute Mittag, als ich noch von der Herrlichkeit der Tomaten sprach, stimmtest du mir zu. Jetzt, da ich über ihre Gräßlichkeit spreche, stimmst du mir wieder zu. Wie läßt sich das vereinbaren?“
„Herr,“ sagte der Diener, „ich bin dein Diener und nicht der Diener der Tomaten.“

  • Ehrlichkeit... wenn ich von mir spreche: den Punkt finden, wo ich meine Gedanken wahrhaftig ausdrücke, ohne zu viel zu sagen. Selbst wenn mein Gegenüber das nicht merkt - ich muss mich gelegentlich fragen, wo Ehrlichkeit in Striptease umschlägt.
  • Ehrlichkeit - zunächst einmal die Unehrlichkeit eingestehen. Da ein bisschen an der Wahrheit geschraubt, dort zu schnell geschlussfolgert, woanders unangenehme Details zugunsten einer geschönten Version erfolgreich vergessen...
  • Mut. Erkennen, eingestehen: Ich bin nicht da, wo ich sein sollte. Oder besser: ich bin nicht vollkommen da, wo ich eigentlich bin. Meine Worte entsprechen nicht meinem Wünschen, meine Ernährung nicht meinem Hunger, meine Gedanken nicht meinem Ziel, meine Asanas nicht dem, was ich tatsächlich vermag und brauche.
  • Wo liegt Satya? Ich finde sie zum Beispiel in Balance-Haltungen - hier zeigt sich am Besten, wo der Mensch gerade wirklich steht, wo die Gewichtung tatsächlich liegt. Je weiter Gedanken, Atem und Körper von Satya entfernt sind, desto unbeständiger und wackeliger ist auch die Pose. Schummeln hilft hier kaum weiter, sondern nur Rückbesinnung in das, was Satya neben Ehrlichkeit noch bedeutet, nämlich "höchstes Bewusstsein". Das Gleichgewicht zu schulen bedeutet auch, das Unveränderliche, Ewige und Wahre inmitten des Wandels zu suchen, zu entfalten und auszudrücken. (Gleichgewicht finden lässt sich wunderbar in sämtlichen Variationen von Baum, Krähe, Tänzer, Adler)

Sonntag, 19. August 2007

yamas: ahimsa


ahimsā

Nicht-Verletzen, Gewaltlosigkeit, Vermeidung von Gewalttätigkeit


Aus ist es mit dem Weitausholen wie früher,
vor und zurück durch die Jahrhunderte.
Kann nur noch von einem Tag zum andern denken.

Meine Helden sind nicht mehr die Krieger und Könige,
sondern die Dinge des Friedens –
eins so gut wie das andere.
Die trocknenden Zwiebeln
so gut wie der Holzstamm, der durch den Morast führt.

Aber noch niemandem ist es gelungen,
ein Epos des Friedens anzustimmen.
Was ist denn am Frieden,
dass er nicht auf die Dauer begeistert und
sich von ihm kaum erzählen lässt?

Der greise Erzähler der Menschheit,
im Film „Der Himmel über Berlin“

~*~*~*~

Der Weg wahrer Gewaltlosigkeit verlangt weit mehr Mut als die Anwendung von Gewalt.

M. Ghandi

~*~*~*~

Ein wandernder Mönch kam einmal zu einem Dorf, das von einer riesigen Schlange in Angst und Schrecken versetzt wurde. Der Mönch suchte die Schlange auf. Sie war ein prächtiges Tier: der Leib stark und anmutig, die Schuppen glänzten darauf, und der Schlangenkopf hob sich majestätisch auf und ab. Der Mönch setzte sich zur Schlange auf den Boden und lehrte sie Ahimsa.

Ein Jahr darauf kam der Mönch wieder in das Dorf. Die Leute waren glücklich und lebten ohne Angst. Da suchte der Mönch jene Schlange auf, die einst die Menschen das Fürchten gelehrt hatte. Was für eine Verwandlung! Das einst so anmutige, starke Tier war nun mager und zerbrechlich, sein Körper von Wunden übersät. Da fragte der Mönch die Schlange, was geschehen wäre. "Du hast mich Gewaltlosigkeit gelehrt und ich habe mich an deine weisen Worte gehalten", antwortete die Schlange. "Aber jetzt haben die Menschen keine Angst mehr vor mir; sie spucken mich an, treten auf mich und werfen mit spitzen Steinen nach mir! Und nun sieh an, was aus mir geworden ist!" "Du hast Recht", sagte der Mönch, "ich habe dich Gewaltlosigkeit gelehrt, aber ich habe nie gesagt, dass du nicht zischen sollst."


Andy Goldsworthy, Dandelion Line


Mir fällt schon länger auf, wie schwer es ist, mit manchen Menschen ins Gespräch zu kommen, solange es nicht um die Heraburteilung (abwesender) Dritter geht; oder die Herabsetzung der eigenen Person. Erschreckend finde ich aber erst, wenn ich selbst halbautomatisch auf den altbewährten Eisbrecher "Raunzen" zurückgreifen möchte, um der Stille ein Ende zu bereiten.

Warum soll ich nicht verurteilen, verletzen, schlecht reden, denken oder handeln? Ich kann die Frage für mich beantworten, aber ich kann die Antwort (noch) niemandem erklärlich machen, der ihr nicht von selbst zustimmt. Ich weiß nur für mich: jeder verletzende Akt raubt mir Saft und Kraft.

Selbstbehauptung, gesunde Aggression, Abgrenzung und Durchsetzung verleihen mir hingegen Stärke, und zwar auf Dauer.

Wenn in mir Wut, Ärger, Zorn und Hass aufwallen, wohin lenke ich dann die Kraft, die hinter diesem Schwall liegt? Was tun mit Gewalt, wenn sie erst einmal da ist?

Die beste Vorbeugung scheint mir beständige Achtsamkeit in Gedanken, Worten und Taten.

Würde ich mich laut zu anderen Menschen so reden hören, wie ich manchmal mit mir selbst spreche, wäre ich über meine Bosheit, Gewalttätigkeit und Unnachsichtigkeit schockiert.


Je mehr ich Menschen (mich eingeschlossen) für Dummheit, Arroganz, Faulheit, Verbocktheit (etc. pp.) verachte und verurteile, desto mehr nehme ich mir am Ende selbst die Möglichkeit, Geduld und Nachsichtigkeit im Umgang mit meinen eigenen Fehlern zu erfahren.

Einmal habe ich mir gedacht, dass ich die Geschichte hinter jedem einzelnen ärgerlichen Verhalten meiner Mitmenschen erfahren sollte und keinerlei Wut oder Verurteilung wären mehr nötig. Ich selbst wäre dann um einiges leichter. Dann allerdings würde ich vielleicht dem Irrglauben aufsitzen, es gäbe tatsächlich Geschichten, die meine Gewalt verdient hätten. Nach näherer Betrachtung denke ich, wahre Gewaltlosigkeit zeigt sich, wenn sie sogar dann angewendet wird, wenn die Beweggründe der Mitmenschen nicht erkannt oder verstanden werden. Ahimsa "grundlos" und "unwissend", für jeden und in allem zu praktizieren, bedeutet, vollkommen von ihr durchwirkt zu sein. Man tut dann nicht Ahimsa, sondern verkörpert sie.´

Andy Goldsworthy


Dem Körper keine Gewalt antun – klingt ganz einfach, ist aber für mich und wahrscheinlich noch viele andere Westler, die Yoga vor allem als Körperarbeit kennen und betreiben, besonders schwierig. Bei Yoga im Allgemeinen geht’s nicht um „wie weit?“, „wie hoch?“, „wie viel?“ oder „wie schnell?“. Sondern um: „Wie ganz gelingt es mir da zu sein, wo ich bin?“

Das weiß ich zwar schon lange, trotzdem erwische ich mich gern dabei, ein Stückchen zu weit in die Dehnung zu gehen, oder eine Übung zu viel zu machen – um mir etwas zu beweisen, meinem Körper etwas abzuringen, o. Ä. Mein Körper mag noch so sehr nach Entspannung schreien – mich ganz ohne ein bisschen Schwitzen einfach in die regenerativen Asanas zu begeben, braucht nach wie vor viel Überwindung.

Wirklich achtsam und gewaltlos vorzugehen, bedeutet einige Minuten Innenschau vor jeder einzelnen Yogastunde. Nur so kann ich Bedürfnisse erkennen, Abläufe fein abstimmen, Schwerpunkte legen und die Posen danach auswählen. Nur so lassen sich das richtige Maß an Muskelan- bzw. Entspannung, die richtige Mischung zwischen herausfordernden und entspannenden Posen, und der passende Rhythmus ermitteln. Das zeigt, dass Gewaltlosigkeit mit anderen Yamas und Niyamas Hand in Hand geht. Ahimsa erfordert Ehrlichkeit mit mir, Selbstkenntnis, Mäßigung – zugleich aber auch Disziplin, Mut, Hingabe.


Samstag, 18. August 2007

Die Yamas - allgemein


Die Yamas sind fünf moralisch-ethische Prinzipien, die Patañjali in den 8 Gliedern (Ashtanga Yoga) als erstes nennt. Diese acht Glieder sind allerdings nicht als Stufen zu sehen, die man nur eine nach der anderen erklimmen kann oder darf, sondern sie durchwirken einander vollkommen. Sie sind nicht voneinander getrennt und können im strengen Sinne auch nicht getrennt voneinander geübt werden. Ziel dieses Weges ist es zunächst, Unreinheiten in Körper, Geist und Seele zu beseitigen, dann folgen das "Licht des Wissens" und Wahrnehmung/Erkenntnis der Wirklichkeit.

Bild und Skulptur: Andy Goldsworthy



Die Yamas nennt Patañjali vielleicht zuerst, weil sie seiner Meinung nach wirklich für jeden Menschen Gültigkeit besitzen, ob Bauer oder Beamter; Yogi oder Politiker. Die fünf Yamas sind Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Nicht-Stehlen, Mäßigung und Nicht-Anhäufen. Im 31. Sutra schreibt Patañjali, dass diese Grundsätze weder an den sozialen Stand, noch an spezielle Umstände, Örtlichkeiten oder eine bestimmte Zeit gebunden sind. Er bezeichnet sie als mahâ–vratam, das große, universelle Gelübde.

Mittwoch, 15. August 2007

Am Fuße der Acht Stufen

Man soll sich vor einem Talente hüten,
das man in Vollkommenheit
auszuüben nicht Hoffnung hat.


Goethe





Ich übe seit ca. 7 Jahren Yoga. Ich habe also zu einer Zeit begonnen, wo Yoga zwar verbreitet, ihm aber noch ein leicht verweihräucherter, in ökologische Wallekleidung gehüllter Ruf anhaftete. Das ist jetzt nicht mehr so, Yogastunden gehören für jeden In-Menschen dazu; Öko ist jetzt auch super: ökologisch abbaubare Yogamatten, Yogahemden, Yogahosen, bzw. ökologisch angebaute Yogatees, Yogakekse oder Yogaöle. Überhaupt kriegt man so ziemlich alle Hilfsmittel, die man braucht oder nicht: Yogaschuhe (wahrscheinlich zum stilgerechten Hinein- und Hinausspazieren aus dem Übungsraum, denn Yoga geht an und für sich barfuss); Zehenstrecker (?); Augenkissen aus allerallerfeinster Seide; Gurte aus ebendieser, Kannen, Pölster, Kerzen, Blöcke, Kisten, Decken, Seile, Matten, Untermatten, Schmuck und Düfte.

Das finde ich weder gut noch schlecht – das Dickicht an Behelfsmitteln und Zubehör lenkt allerdings den Blick immer mehr auf einen Teilbereich des Yoga, nämlich die Körperübungen; ein Teil, auf den auch ich vor kurzem noch am meisten Wert gelegt habe. Mit dem neuen Lebensjahr aber kommen frische Neugier und neue Bedürfnisse; unbekannte Ufer sehe ich am Horizont auftauchen, die ich erkunden und erforschen möchte.

Mein Yogastudio hat die Preise erhöht und ist nun endgültig so unleistbar für mich wie alle anderen Yogaschulen in der Stadt. Ich investiere also in gute Literatur und das sorgfältige Ausbauen und Weiterentwickeln meiner Heimpraxis. Ich habe beschlossen, mich nun verstärkt der Yogaphilosophie des weisen Patañjali (zw. 2. Jh. v. Chr. und 2. Jh. n. Chr.) zu widmen. In seinem Yogasutra - dem Haupttext des klassischen Yoga – beschäftigt er sich mit der Natur des menschlichen Geistes. Dessen „negative“ Zustände (Unruhe, Verwirrung, etc.) sieht Patañjali als Hauptgrund für menschliches Leiden. Er filtert fünf Haupthindernisse (Kleshas) für die Entwicklung des Geistes (und damit des Menschen) heraus.
Der Weg aus der Verknotung in die Befreiung geht für Yogis also über den Geist. Das Ziel:

Wenn das Denken im Selbst ruht,
die Begierden bewältigt sind und auch Wünsche
nicht mehr stören,
dann ist das Yoga-Ziel erreicht.



Bhagavadgita, 6, 18


Patañjali schlägt einen achtstufigen Weg vor (Ashtanga Yoga), der das gesamte Wesen des Menschen umfasst. Die acht Glieder des Ashtanga bilden einen Leitfaden, kein Muss, und sie greifen ineinander. So sehen sie aus:

1.) Die Yamas. Das sind fünf universelle ethische Prinzipien zum Umgang mit der Außenwelt:

  • Gewaltlosigkeit
  • Wahrhaftigkeit
  • Nicht-Stehlen
  • Mäßigung
  • Nicht-Anhäufen

2.) Die Niyamas. Das sind fünf Qualitäten im Umgang mit uns selbst. Wie wir mit uns selbst umgehen, zeigt sich am Besten, wenn wir alleine und unbeobachtet sind, meinen die Yogis.

  • Reinheit
  • Zufriedenheit
  • Disziplin
  • Selbsterkenntnis
  • Hingabe und Vertrauen

3.) Asanas. Das sind sie, die Körperhaltungen. Was wir also heute als Yoga verstehen, ist die dritte Stufe in Patañjalis achtgliedrigem Gebäude. Patañjali spricht überhaupt nur von einer Haltung, nämlich dem Lotussitz. Seine Anweisung wie ein Asana zu sein habe, ist frustrierend kurz und genial präzise: stabil und leicht.

4.) Pranayama, die Atemlenkung, Atemführung

5.) Pratayahara, das Zurückziehen der Sinne; Einfahren der Antennen.

6.) Dharana, die Konzentration.

7.) Dhyana, die Meditation.

8.) Samadhi, die Verschmelzung, Hingabe und Glückseligkeit.


~*~*~*~

Am Anfang eines solchen Weges steht die Frage nach dem Beweggrund und dem Ziel:
Ich mag es, meinem Leben einen Rahmen zu geben; ich genieße Rhythmen (beim Atmen; Arbeiten und Ruhen; Hinaus- und Hineingehen).
Ich habe gerade ein Bedürfnis nach Vervollständigung und einem Tiefersinken in meine Praxis.
Da ich besonders mit Asanas, aber auch mit Atemübungen und Meditation vertraut bin, finde ich es angebracht, mich auch den übrigen Disziplinen des Yoga zu widmen. Wenn ich schon dabei bin.
Ich strebe nichts an, außer einer Vertiefung. Mein Ziel ist nicht das oben beschriebene, sondern ehrlich gesagt nur eines: lernen und tanzen.
Daher möchte ich mich jetzt jede Woche mit einem oder mehreren der Teile auseinandersetzen; auf und jenseits der Matte. Was ich hier schreiben werde sind Auszüge aus meinem Notizbuch, Gedanken und Fragen, die sich zu den einzelnen Schritten in der persönlichen Anwendung auftun.

Ich wünsche mir (und Euch…) viel Spaß auf der Reise…