Donnerstag, 22. November 2007

jessas maria, wos hot an jetz scho wieda taun?!

Angeregt von Luisas Eintrag zu Kinderspielen stieg heute in mir die Erinnerung an das wohl seltsamste Spiel meiner gesamten Kindheit auf. Bis ich etwa 13 bin gibt es bei uns keinen Fernseher und zu meinem Leidwesen auch keine Computerspiele oder Gameboys, sondern nur gutes altes Spielzeug. Davon aber reichlich. Außerdem sind mein Bruder und ich begeisterte Schauspieler. Weil wir beide nicht viel auf andere Kinder halten und damit auch die Klassifizierung von Spielzeug und Spielen nach Geschlecht nicht erlernt haben, spielen wir beide mit Puppen und Autos, und finden es auch nicht befremdlich, uns gegenseitig Schnurrbärte oder rote Wangen zu malen. Jeden Samstag oder Sonntag steht vormittags das Folgende auf dem Programm:
Mein Bruder ist eine grantige alte Frau und wohnt im ersten Stock eines Hochhauses (= oberes Etage des Stockbetts). Ich bin auch eine grantige alte Frau und wohne im Stock darunter. Jedes Wochenende läutet die eine bei der anderen am Plastiktelefon an und lädt sie zum Kaffee ein. Meistens muss ich meine Nachbarin einladen, weil sie Angst hat, dass ihre Wohnung im ersten Stock zusammenbricht, wenn wir gemeinsam dort hocken. Ich schimpfe ein bisschen, weil ich auf die gute Aussicht nicht verzichten will und außerdem insgeheim darauf hoffe, meiner Nachbarin die gute Wohnung abzuluchsen. Die ist aber immer schlauer als ich und am Ende serviere ich ihr Kaffee aus meinem Puppengeschirr in meiner Wohnung, und es geht los. Das Gesprächsthema ist immer das gleiche: der Mondo. Der Mondo, das ist ein kleiner Bub, der ebenfalls im Hochhaus wohnt. [Es bleibt rätselhaft, wie er zu seinem Namen gekommen ist - ich vermute eine Verwandtschaft mit dem (nicht ganz harmlosen) Schimpfwort "Mongo"; Idiot, beschränkter Mensch.] Der Mondo ist aber keinesfalls ein Depp. Er ist ein kindlicher Revoluzzer und Vandale, den wir, die alten Damen, fürchten und verachten. Jeden Sonntag erzähle ich meiner Nachbarin und sie mir von den neuesten unglaublichen Schandtaten des Mondo. Jessas maria, wos hot an jetz scho wieda taun?! (Jesus und Maria, was hat er denn jetzt schon wieder getan?!), schreien wir und heben die Arme gen Himmel, unsere Altweiberköpfe wackeln und wir fühlen uns plötzlich sehr alt.
Bei der Nachbarin aus dem 3. Stock ist er einfach in die Wohnung gestürmt und den Fernseher aus dem Fenster geschmissen!
Ja, und der anderen Nachbarin hat er den für ihn gebackenen Apfelstrudel einfach wieder in die Schürze gespuckt!
Im Supermarkt hat er sich an der Kassa einfach aufs Fließband gelegt und der Kassiererin ins Gesicht gelacht!
Im Flur hat er Erbsen ausgestreut und der alte Nachbar hat jetzt ein verrissenes Kreuz!
Der Nachbarin hat er das Baby aus der Wiege gestohlen und eine Katze hineingelegt!
Ihrem Sohn hat er die Bettdecke ans Bett geklebt!
Dem Briefträger hat er das Rad angesägt!
Der Gesprächsstoff reicht für eine Stunde und am Ende sind wir beide sehr erschöpft und aufgebracht. Die Nachbarin und ich nicken besorgt, doch würdevoll, schenken einander ein und seufzen über die Kinder von heute. Dann ein Kratzen und Miauen an der Tür - Nein!, schreit meine Nachbarin, nicht öffnen! Das ist ein Trick vom Mondo, der will dir dein Geschirr zerschlagen! Am nächsten Wochenende habe ich an meiner Wohnungstür bereits Ketten montiert.
Wir zerbrechen uns den Kopf über die Zukunft des teuflischen Mondo, dessen Eltern nicht auffindbar sind und der - Gott behüte! - womöglich alleine in einer Wohnung lebt, unter selbst abgezogenen Katzenfellen schläft und nur isst, was sich im Supermarkt in die Taschen stopfen lässt, während alle wegschauen. Und einen Heidenspaß hat er auch noch dabei! Wir würden ja die Polizei anrufen, aber es ist Wochenende, da arbeiten die nicht. Unter der Woche tun das zwar die gepeinigten Nachbarn, aber der Mondo entkommt immer. Dass es ein Jugendamt gibt, wissen wir noch nicht. Wir seufzen und jammern, beklagen die Zeit in der wir leben und die Kinder, die sich nicht ordentlich zu benehmen wissen. Insgeheim sind wir froh, denn in unserer langjährigen nachbarlichen Freundschaft hat sich kein Gesprächsthema als so ergiebig erwiesen wie der Mondo.
Warum der Mondo uns niemals etwas tut, wundert uns sehr. Höchstens ein bisschen Hunde-AA oder nasses Klopapier schiebt er uns manchmal durch den Briefschlitz, aber das ist ja alles kein Drama. Verglichen mit explodierenden Fernsehern, vertauschten Kindern und angesägten Fahrzeugen.
Einige Jahre später eröffnet in unserer Nachbarschaft der erste Mondo, ein Billig-Supermarkt. Das verfolgen mein Bruder und ich natürlich mit Staunen. Wir gehen am Laden vorbei, schütteln unsere runzligen Köpfe und fühlen uns plötzlich sehr alt und müde angesichts dieser verwahrlosten Welt, in der ein Mensch wie Mondo sein eigenes Geschäft bekommt.

Samstag, 27. Oktober 2007

niyamas: schaucha

Schaucha
Reinheit des Körpers, des Geistes und der Seele

Eines der 5 Niyamas, den allgemein gültigen Qualitäten im Umgang mit uns selbst.






In den Asanas erleben wir über unseren Körper sehr direkt die Auswirkungen eines unharmonischen Lebensstils. Wir spüren unsere An- und Verspannungen und unsere Steifheit, Erschöpfung, Müdigkeit oder Ruhelosigkeit und Überdrehtheit. Wir nehmen wahr, wie negative und destruktive Emotionen und Gedanken uns verunreinigen und hemmen, wie der Neid uns vergiftet oder die Angst uns lähmt. Und es entsteht auf eine natürliche Weise der Wunsch nach "Reinigung", nach Veränderung.

Aus: Flow Yoga. Meditation in Bewegung, von Beate Cuson


Das Thema Reinigung beschäftigt mich schon sehr lange. Ich merke schnell, wenn mich ein Erlebnis, ein Gedanke oder eine körperliche Empfindung verschmutzen. Das Gleichgewicht geht verloren, die Gedanken zischen kreuz und quer, der Körper wird schwer, alles verstopft.

Manches kriegt der Körper von selbst wieder in die Balance, manches bleibt unerkannt lange in einem und richtet schweren Schaden an. Das eigentlich Mühsehlige an der Reinigung ist selten das "Waschen" selbst, sondern die Überwindung dazu. Wie beim Sport oder beim Arbeiten. Wenn man einmal dabei ist, geht es meist locker von der Hand, aber bis dahin...

Negative Gefühle, hassvolle Gedanken etc. machen den Menschen nicht schlecht. Sie müssen nicht ausgetrieben werden, weil sonst der Teufel kommt, oder unsere gerechte Strafe. Ich werde im Spiegel des Lebens freilich genau das erblicken, was ich selbst ausstrahle. Aber innerliche Hygiene sollte man nicht aus Angst betreiben, dass einem das Leben sonst eins überbrät. Der Grund, warum Schaucha gut und wichtig ist, ist sehr schlicht: wer einmal vollkommen sauber und klar war, kennt ihn. In diesem Zustand sind die Gedanken geschmeidig und ruhig, auf den Lippen liegt das Lächeln der zufriedenen Vergnügtheit, die Haut ist weich, der Körper ist warm, leicht und biegsam. Man findet die richtigen Worte, sieht klar, hört richtig, denkt mit Liebe und handelt mit Verstand. Der einzige Grund für Reinigung ist das Bedürfnis, sich so oft wie möglich so heil fühlen zu können.

Aber wie putzt man sich eigentlich innerlich? Es gibt viele verschiedene Techniken und alle möglichen Richtungen und Schulen, von bodenständig bis abgehoben. Elemente-Reinigung, Bewegung, Visualisationen, Meditation, Geißelung... Ich fühlte mich lange zum Schmutzig-Sein verurteilt, denn nichts funktionierte. Was mir dabei nicht klar war - und das lag wohl an der Wortwahl "Reinigung" - war die Natur dieses Prozesses. Der ist nämlich grundsätzlich verschieden von der Art und Weise, wie wir unsere Körper, unsere Kleidung und unsere Autos waschen. Die "Reinigung" von Zorn, Angst, Scham etc. funktioniert nämlich nicht so, dass Belastendes aus dem Körper getrieben wird, wie der Fleck aus dem Hemd. Das musste ich schmerzlich erfahren, als bei jedem "Abtreibungsversuch" der Zorn in mir umso stärker in mir aufflammte. "Ich gehe nicht!", brüllte er und trieb mir die Rauchwolken aus den Ohren. Was macht man, wenn ein Fleck mit jedem Waschgang hartnäckiger wird? Nach vielem Hadern kam dann doch noch die Erkenntnis: ein Hemd mit Fleck ist vielleicht kein gutes Hemd, aber ein Mensch mit Zorn muss nicht waschen, sondern ordnen. Böse Gedanken oder Gefühle gehören nicht raus, sondern einfach an den richtigen Ort. Als ich meiner Wut erstmals nicht die Tür wies, sondern sie in mir an ihren richtigen Ort zu leiten versuchte, wurde sie plötzlich handzahm. Nach einigem Üben wurde sie wieder zu dem was sie ist: Stärke, Mut, Durchsetzungsvermögen.

Kennt noch jemand den Rubik-Würfel? Das Prinzip ist ähnlich (und die Erfolgschancen höher - zumindest bei mir).





Ableitende Yogaübungen sind vor allem die Drehungen. Man kann aus beinahe jedem Asana einen Twist machen. Wichtig ist immer, die Drehung mit gut aufgerichtetem Rumpf zu beginnen. Die Einatmung lässt die Wirbelsäule vom Steißbein in die Höhe wachsen. Der Ausatem macht den Körper geschmeidig für die Drehung, die Energie ergießt sich vom Scheitel über den Rücken, die Aufrichtung bleibt dabei erhalten. Mit dem Atem entsteht ein innerkörperlicher Puls. In der Vertikalen wechseln Wachstum und das sich nach unten Ergießen. In der Horizontalen spürt man Erfüllung/Ausdehnung und Entleerung bzw. Entspannung.

In diesem Tanz, der sich in alle Richtungen ausbreitet, ist das Körperzentrum das Auge des Sturms. Nicht die Arm- und Beinkraft drücken den Rumpf in die Drehung. Es sind die Bauchmuskeln, die für den Twist verantwortlich sind. Im Drehsitz zum Beispiel kann man immer wieder die Arme heben, um festzustellen, ob der Bauch die Stellung hält, oder doch nur die Oberarme. So wirkt die Drehung zwar äußerlich weniger tief und spektakulär, kommt aber aus der Mitte und besitzt damit echte Tiefe und Verwandlungskraft.

Montag, 8. Oktober 2007

nebenher gedacht

Bevor ich wieder in der Versenkung (aka Bücherturm auf Schreibtisch) verschwinde, ein paar Zeilen aus dem Notizbuch:

Samstag, 06.10.2007
Lese gerade für meine Arbeit über Otto Dix. Ich bin ganz fasziniert, kann aber noch nicht ganz in Worte fassen, weshalb und worüber... Am meisten rätsle ich noch über meine Herangehensweise im Bezug auf Politische Ikonografie. V.a., weil Dix die politische Politik verabscheut (er ist ja trotzdem ein politisches Wesen). Er ist vielleicht der neutralste Künstler, mit dem ich mich je eingehender beschäftigt habe. Ein unverwickelter, zynischer Menschen- und Lebensfreund. Erinnert mich an Heraklits Vorstellung von einer Welt und einem Fluss der Polaritäten. Nur dazwischen liegt die Wahrheit; die Welt ist nicht nur häßlich oder schön, aber sie besitzt immer Schönheit... Ich lerne viel von seinem Blick.

Sonntag, 07.10.2007
Denke mir heute, dass ich wohl doch eigtl. keine Kunsthistorikerin, auch keine gute Kunstbetrachterin im Sinne Dix' bin. Mir fehlt das Auge. Dix, das mag ich ja so, liegt das Herumgedenke & -philosophieren nicht. Er findet alles in der Betrachtung, obwohl seine Bilder viell. nicht völlig selbsterklärend sind. Jedenfalls denke ich mir heute, dass ich vielleicht irgendwie 'blind' bin. In der Kunst sehe ich so schwer etwas. Es kostet mich enorm viel Aufwand, da meine Lider aufzukriegen. Das ist komisch, weil ich sonst ein sehr fein-sinniger Mensch bin. Ich sehe viel, nur viell. eher i.d. Bereichen, wo man nichts sehen kann (lustig).
Nicht in der Kunst, vielleicht ganz besonders schwer in Dix' Kunst, wo soviel auf der Hand liegt. Trotzdem fesselt er mich, es ist so, als könnte ich mit den Wimpern etwas berühren, aber der Blick ist noch nicht kräftig genug, die Vorhänge zu heben. Wirklich zu verstehen, zu begreifen...
Jedenfalls packt mich so eine Lust, sehen zu lernen. Ich denke mir heute sogar, dass mein Blick verbraucht, müde sein könnte. Es gelingt mir nicht, den Dix anzuschauen, als wäre er das Allererste, was ich jemals betrachtet hätte. Genau das braucht der aber, glaube ich. Ich ahne, dass nämlich der Schleier, der vor meinen Augen hängt, aus allen Kategorien, Analysen und Schubladen besteht, die ich mir mit den Jahren zusammengelernt habe. Ich ahne, der Dix malt die Wirklichkeit; roh, schön, hart - so wie ich sie vielleicht bei der Geburt noch gesehen habe. Ich kann das nicht beschreiben. Weil ich da ja auch noch nur geschaut habe.
Ich stelle fest, dass ich anscheinend in all dieser Auseinandersetzung mit der Kunst zu erblinden begonnen habe. Ich weiß nicht, was sie will, wohin sie will, was ich mit ihr machen soll. Ich weiß nur, ich gehe z.B. vor so einer lasiert gemalten Obstschale in die Knie. Und - ohne zu wissen, dass auch er lasierend malt - jetzt klebe ich plötzlich an Otto Dix.
Ich denke mir, es wäre doch toll, wenn man so einen Maler jenseits aller Genius-Mythen einfach neben sich haben könnte. Als Lehrer im Betrachten. Ich denke - wer ein Kunstwerk richtig anzuschauen weiß, muss irgendwie ein - naja - 'besserer' Mensch sein. Nein, ehrlich... Wie die Nazis den Friedrich + die Donaustil-Maler in einen Topf gehauen haben... Scheißvergleich, aber... Schauen konnten sie nicht... Nicht so wie ich das möchte. Ich will mich einmal 2 oder 3 Stunden vor so einen Dix hocken und Sehen lernen. Das ärgert mich so furchtbar, dass ich es nicht kann! Und ich hab das Gefühl, da muss ich durch, da geht es weiter.

Sonntag, 30. September 2007

yamas: asteya

Asteya

Nicht-Stehlen, das Recht anderer nicht verletzen, Großzügigkeit


Ich gehe durch eine Phase der ständigen Sorge. Zum ersten Mal in meinem Leben begegne ich existentiellen Ängsten, die nichts mit der Todesangst zu tun haben, die mich jährlich in Schüben bei Winterbeginn und im Frühjahr besucht. Ich fürchte mich auf einmal nicht mehr vor meiner persönlichen Endlichkeit, sondern vor der schrecklich kurzlangen Spanne, die es "bis dahin" noch sinn-voll zu machen gilt. Ganz nach dem Motto:


„Wie kriege ich die Zeit vor meiner Beerdigung noch rum?“

Ich bin überrascht von dieser mich ständig überrumpelnden Lebensfurcht und von der Heftigkeit der Sorgen-Schleife, die mich von einem „Problem“ zum nächsten schleudert, während ich bei Sonnenschein mit Tee auf dem Sofa sitze (und nicht hungrig unter der Brücke). Da sehe ich mich aber schon enden und fühl ich mich, als würde ich im freien Fall durch das Netz der Schöpfung stürzen, zu klein für jede Masche – ein zu unbedeutender Fisch, und zugleich ein ganz armer.
Nebenher beschäftige ich mich halbherzig mit Asteya und irgendwann geht mir der Knopf auf. Das eigentliche Problem sind ja nicht die Probleme, sondern die Natur der Sorge: zwar ist sie völlig zwecklos, hat dabei aber einen hohen Suchtfaktor. Bequem ist sie auch; eine scheinbar natürliche Reaktion auf alle Hindernisse und Unergründlichkeiten. Und wie kraftlos das Sorgen macht! – da hält nicht einmal der anstrengendste Versuch, ein Hindernis zu überwinden, mit.

Da liegt sie plötzlich sonnenklar vor mir, meine Aufgabe des Augenblicks: das Sorgen nicht nur als zwecklosen Zeitvertreib zu erkennen, sondern als gemeinen Diebstahl. Es geht dabei nicht nur um den Raub des Antriebs, sondern auch darum, dass durch das Suhlen in Zweifeln und Sorge der Mensch seine grundsätzliche Fähigkeit, Verantwortung und Da-Seinsberechtigung zu vergessen beginnt. Ganz davon abgesehen, dass er sich um die Entwicklung von Vertrauen, Hingabe und Gelassenheit bringt.
*~*~*

Und nebenbei: schon komisch, dass wir so ganz natürlich und selbstverständlich mit diesem Hirngefängnis „Sorge“ aufwachsen, Stichwort: Vor-Sorge (sich schon im Voraus sorgen), Sorg-Samkeit (manche meinen damit Gründlichkeit, die hat aber nix mit Angst zu tun), Für-Sorge (mich für den anderen gleich mitsorgen, vielleicht hilft es ja…). Vielleicht nur Wortspiele, aber sie deuten dennoch an, für wie berechtigt die Sorge gemeinhin gehalten wird. Ein "sorgloser Umgang" wird ja üblicherweise nicht so gerne gesehen...
"Warum vorsorgen?" fragt diese Bank und gibt die
Antwort:

"Ihre Sorgen möchten wir haben"

... und die Verantwortung übernimmt die richtige
Bank/Versicherung...

Juhu, Sorgen machen - aber richtig!

(Für Nicht-Österreicher: der nette Herr links ist von der Bank, der Papa rechts hat gegen diesen Babysitter anscheinend nichts einzuwenden.)

Dienstag, 4. September 2007

yamas: satya

satya
sanskrit für: Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Wahrheit


Weitere Bedeutungen:
  • Wahrhaftigkeit als Unwandelbarkeit. Satya ist das, was immer ist und keinerlei Veränderung unterliegt. Der menschliche Geist im Zustand der Zerstreuung, der menschliche Körper, der Wandel des Lebens im Allgemeinen sind damit nicht Satya. Wahrhaftigkeit beschreibt den unveränderlichen Kern, das Ewige hinter dem Fluss der Ereignisse.
  • Satya als Höchstes Bewusstsein (purus'a). Es vereint Ehrlichkeit mit Gewaltlosigkeit (ahimsa):

"Bevor du sprichst, frage dich: ist es ehrlich, ist es sanft, ist es besser als das Schweigen?"


Ein Fürst aß mit Vorliebe gedünstete Tomaten. Er konnte sich nicht satt davon essen. Er hatte sogar einen besonderen Diener, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die Tomaten so schmackhaft, wie nur möglich zuzubereiten. Der Herrscher schwärmte: „Wie herrlich ist doch dieses Gemüse. Wie göttlich ist ihr Geschmack. Wie prächtig sie aussehen! Gedünstete Tomaten sind das Beste, was es auf derErde gibt.“ „Jawohl, mein Herr,“ antwortete der Diener.
Am gleichen Tag noch aß der Herrscher in seiner Gier so viele Tomaten, dass es ihm schlecht wurde. Der Magen drehte sich ihm um und dieTomaten erblickten auf umgekehrtem Wege wieder das Tageslicht. Er stöhnte: „Nie wieder gedünstete Tomaten. Dieses hinterhältige Gemüse will ich nicht mehr sehen. Allein ihr Anblick und der Gedanke an sie erzeugen mir Übelkeit. Tomaten sind das scheußlichste Gemüse, das ich kenne.“ „Jawohl, mein Herr,“ antwortete der Diener. Da wurde der Herrscher stutzig. „Heute Mittag, als ich noch von der Herrlichkeit der Tomaten sprach, stimmtest du mir zu. Jetzt, da ich über ihre Gräßlichkeit spreche, stimmst du mir wieder zu. Wie läßt sich das vereinbaren?“
„Herr,“ sagte der Diener, „ich bin dein Diener und nicht der Diener der Tomaten.“

  • Ehrlichkeit... wenn ich von mir spreche: den Punkt finden, wo ich meine Gedanken wahrhaftig ausdrücke, ohne zu viel zu sagen. Selbst wenn mein Gegenüber das nicht merkt - ich muss mich gelegentlich fragen, wo Ehrlichkeit in Striptease umschlägt.
  • Ehrlichkeit - zunächst einmal die Unehrlichkeit eingestehen. Da ein bisschen an der Wahrheit geschraubt, dort zu schnell geschlussfolgert, woanders unangenehme Details zugunsten einer geschönten Version erfolgreich vergessen...
  • Mut. Erkennen, eingestehen: Ich bin nicht da, wo ich sein sollte. Oder besser: ich bin nicht vollkommen da, wo ich eigentlich bin. Meine Worte entsprechen nicht meinem Wünschen, meine Ernährung nicht meinem Hunger, meine Gedanken nicht meinem Ziel, meine Asanas nicht dem, was ich tatsächlich vermag und brauche.
  • Wo liegt Satya? Ich finde sie zum Beispiel in Balance-Haltungen - hier zeigt sich am Besten, wo der Mensch gerade wirklich steht, wo die Gewichtung tatsächlich liegt. Je weiter Gedanken, Atem und Körper von Satya entfernt sind, desto unbeständiger und wackeliger ist auch die Pose. Schummeln hilft hier kaum weiter, sondern nur Rückbesinnung in das, was Satya neben Ehrlichkeit noch bedeutet, nämlich "höchstes Bewusstsein". Das Gleichgewicht zu schulen bedeutet auch, das Unveränderliche, Ewige und Wahre inmitten des Wandels zu suchen, zu entfalten und auszudrücken. (Gleichgewicht finden lässt sich wunderbar in sämtlichen Variationen von Baum, Krähe, Tänzer, Adler)

Sonntag, 19. August 2007

yamas: ahimsa


ahimsā

Nicht-Verletzen, Gewaltlosigkeit, Vermeidung von Gewalttätigkeit


Aus ist es mit dem Weitausholen wie früher,
vor und zurück durch die Jahrhunderte.
Kann nur noch von einem Tag zum andern denken.

Meine Helden sind nicht mehr die Krieger und Könige,
sondern die Dinge des Friedens –
eins so gut wie das andere.
Die trocknenden Zwiebeln
so gut wie der Holzstamm, der durch den Morast führt.

Aber noch niemandem ist es gelungen,
ein Epos des Friedens anzustimmen.
Was ist denn am Frieden,
dass er nicht auf die Dauer begeistert und
sich von ihm kaum erzählen lässt?

Der greise Erzähler der Menschheit,
im Film „Der Himmel über Berlin“

~*~*~*~

Der Weg wahrer Gewaltlosigkeit verlangt weit mehr Mut als die Anwendung von Gewalt.

M. Ghandi

~*~*~*~

Ein wandernder Mönch kam einmal zu einem Dorf, das von einer riesigen Schlange in Angst und Schrecken versetzt wurde. Der Mönch suchte die Schlange auf. Sie war ein prächtiges Tier: der Leib stark und anmutig, die Schuppen glänzten darauf, und der Schlangenkopf hob sich majestätisch auf und ab. Der Mönch setzte sich zur Schlange auf den Boden und lehrte sie Ahimsa.

Ein Jahr darauf kam der Mönch wieder in das Dorf. Die Leute waren glücklich und lebten ohne Angst. Da suchte der Mönch jene Schlange auf, die einst die Menschen das Fürchten gelehrt hatte. Was für eine Verwandlung! Das einst so anmutige, starke Tier war nun mager und zerbrechlich, sein Körper von Wunden übersät. Da fragte der Mönch die Schlange, was geschehen wäre. "Du hast mich Gewaltlosigkeit gelehrt und ich habe mich an deine weisen Worte gehalten", antwortete die Schlange. "Aber jetzt haben die Menschen keine Angst mehr vor mir; sie spucken mich an, treten auf mich und werfen mit spitzen Steinen nach mir! Und nun sieh an, was aus mir geworden ist!" "Du hast Recht", sagte der Mönch, "ich habe dich Gewaltlosigkeit gelehrt, aber ich habe nie gesagt, dass du nicht zischen sollst."


Andy Goldsworthy, Dandelion Line


Mir fällt schon länger auf, wie schwer es ist, mit manchen Menschen ins Gespräch zu kommen, solange es nicht um die Heraburteilung (abwesender) Dritter geht; oder die Herabsetzung der eigenen Person. Erschreckend finde ich aber erst, wenn ich selbst halbautomatisch auf den altbewährten Eisbrecher "Raunzen" zurückgreifen möchte, um der Stille ein Ende zu bereiten.

Warum soll ich nicht verurteilen, verletzen, schlecht reden, denken oder handeln? Ich kann die Frage für mich beantworten, aber ich kann die Antwort (noch) niemandem erklärlich machen, der ihr nicht von selbst zustimmt. Ich weiß nur für mich: jeder verletzende Akt raubt mir Saft und Kraft.

Selbstbehauptung, gesunde Aggression, Abgrenzung und Durchsetzung verleihen mir hingegen Stärke, und zwar auf Dauer.

Wenn in mir Wut, Ärger, Zorn und Hass aufwallen, wohin lenke ich dann die Kraft, die hinter diesem Schwall liegt? Was tun mit Gewalt, wenn sie erst einmal da ist?

Die beste Vorbeugung scheint mir beständige Achtsamkeit in Gedanken, Worten und Taten.

Würde ich mich laut zu anderen Menschen so reden hören, wie ich manchmal mit mir selbst spreche, wäre ich über meine Bosheit, Gewalttätigkeit und Unnachsichtigkeit schockiert.


Je mehr ich Menschen (mich eingeschlossen) für Dummheit, Arroganz, Faulheit, Verbocktheit (etc. pp.) verachte und verurteile, desto mehr nehme ich mir am Ende selbst die Möglichkeit, Geduld und Nachsichtigkeit im Umgang mit meinen eigenen Fehlern zu erfahren.

Einmal habe ich mir gedacht, dass ich die Geschichte hinter jedem einzelnen ärgerlichen Verhalten meiner Mitmenschen erfahren sollte und keinerlei Wut oder Verurteilung wären mehr nötig. Ich selbst wäre dann um einiges leichter. Dann allerdings würde ich vielleicht dem Irrglauben aufsitzen, es gäbe tatsächlich Geschichten, die meine Gewalt verdient hätten. Nach näherer Betrachtung denke ich, wahre Gewaltlosigkeit zeigt sich, wenn sie sogar dann angewendet wird, wenn die Beweggründe der Mitmenschen nicht erkannt oder verstanden werden. Ahimsa "grundlos" und "unwissend", für jeden und in allem zu praktizieren, bedeutet, vollkommen von ihr durchwirkt zu sein. Man tut dann nicht Ahimsa, sondern verkörpert sie.´

Andy Goldsworthy


Dem Körper keine Gewalt antun – klingt ganz einfach, ist aber für mich und wahrscheinlich noch viele andere Westler, die Yoga vor allem als Körperarbeit kennen und betreiben, besonders schwierig. Bei Yoga im Allgemeinen geht’s nicht um „wie weit?“, „wie hoch?“, „wie viel?“ oder „wie schnell?“. Sondern um: „Wie ganz gelingt es mir da zu sein, wo ich bin?“

Das weiß ich zwar schon lange, trotzdem erwische ich mich gern dabei, ein Stückchen zu weit in die Dehnung zu gehen, oder eine Übung zu viel zu machen – um mir etwas zu beweisen, meinem Körper etwas abzuringen, o. Ä. Mein Körper mag noch so sehr nach Entspannung schreien – mich ganz ohne ein bisschen Schwitzen einfach in die regenerativen Asanas zu begeben, braucht nach wie vor viel Überwindung.

Wirklich achtsam und gewaltlos vorzugehen, bedeutet einige Minuten Innenschau vor jeder einzelnen Yogastunde. Nur so kann ich Bedürfnisse erkennen, Abläufe fein abstimmen, Schwerpunkte legen und die Posen danach auswählen. Nur so lassen sich das richtige Maß an Muskelan- bzw. Entspannung, die richtige Mischung zwischen herausfordernden und entspannenden Posen, und der passende Rhythmus ermitteln. Das zeigt, dass Gewaltlosigkeit mit anderen Yamas und Niyamas Hand in Hand geht. Ahimsa erfordert Ehrlichkeit mit mir, Selbstkenntnis, Mäßigung – zugleich aber auch Disziplin, Mut, Hingabe.


Samstag, 18. August 2007

Die Yamas - allgemein


Die Yamas sind fünf moralisch-ethische Prinzipien, die Patañjali in den 8 Gliedern (Ashtanga Yoga) als erstes nennt. Diese acht Glieder sind allerdings nicht als Stufen zu sehen, die man nur eine nach der anderen erklimmen kann oder darf, sondern sie durchwirken einander vollkommen. Sie sind nicht voneinander getrennt und können im strengen Sinne auch nicht getrennt voneinander geübt werden. Ziel dieses Weges ist es zunächst, Unreinheiten in Körper, Geist und Seele zu beseitigen, dann folgen das "Licht des Wissens" und Wahrnehmung/Erkenntnis der Wirklichkeit.

Bild und Skulptur: Andy Goldsworthy



Die Yamas nennt Patañjali vielleicht zuerst, weil sie seiner Meinung nach wirklich für jeden Menschen Gültigkeit besitzen, ob Bauer oder Beamter; Yogi oder Politiker. Die fünf Yamas sind Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Nicht-Stehlen, Mäßigung und Nicht-Anhäufen. Im 31. Sutra schreibt Patañjali, dass diese Grundsätze weder an den sozialen Stand, noch an spezielle Umstände, Örtlichkeiten oder eine bestimmte Zeit gebunden sind. Er bezeichnet sie als mahâ–vratam, das große, universelle Gelübde.