Montag, 10. Juli 2006

Erstes Mal mit Corinne

In einem heruntergekommenen Secondhand-Plattenladen habe ich vor 3 oder 4 Jahren einen RollingStone - Artikel gelesen, während ich auf meinen Freund gewartet habe, der sich nicht zwischen PinkFloyd und DavidBowie entscheiden konnte. In diesem Artikel beschäftigte sich der Journalist eingehend mit dem Phänomen der "ersten Begegnung mit einer neuen Platte". Er meinte, dass das erste Rendezvous mit einer solchen Ähnlichkeiten zur ersten Nacht mit der neuen Flamme aufweisen kann. Ich gebe ihm bis heute Recht (ist ja wahrscheinlich auch nicht umsonst RollingStone-Schreiberling...). Man tastet sich in ein völlig neues Klanguniversum vor und stellt erstaunt fest, dass jedes Stück eine halbe Ewigkeit dauert. So wie dann geht's einem nie wieder, schon ab dem zweiten Mal Hören ist alles anders.

Ich habe den Nachmittag heute jedenfalls mit meinen zwei neuen Platten verbracht. Die eine ist Schumann - Interpretationen, die ich unbedingt haben wollte (Spätfolge des bewegenden Erlebnisses vor kurzem). Die zweite ist von Corinne Bailey Rae (ja genau, die "put your records on"-Frau). Die Scheibe wollte ich eigentlich gar nicht kaufen. Aber ich werde hilflos, wenn man mir ein Cover mit einer von Sommersonnenlicht beschienenen dunkelhäutigen Schönheit vor die Nase hält...

Also, jenseits von allen Kritiken, die man auch überall nachlesen kann, finde ich, dass Corinne einen ganz wunderbaren Sinn für Melodien hat. Ich war erstaunt, dass die meisten Stücke in ihrer Melodieentwicklung nicht voraussehbar sind. Trotzdem kommt alles ganz natürlich daher. Hm, und ich mag diesen Hauch von Heiserkeit in ihrer Stimme. Worauf ich ganz besonderen Wert lege: die Aussprache. Da geht's mir überhaupt nicht darum, ob der Text immer verständlich ist, sondern wie der Sänger/die Sängerin mit der Sprache umgeht. An den Enden einer Phrase, an der letzten Silbe, kann man erkennen, ob der Interpret weiß und auch wirklich will, was er tut - oder eben nicht. Manche sind ja ganz schrecklich unbeholfen mit diesem letzten Wort, das ihnen ganz plötzlich so blöd im Weg steht; sie werden auf einmal nuschelig oder extra-deutlich... Manche werfen die Worte nur so weg und manche legen sie ganz behutsam hin, wie man ein Kind schlafen legt - so macht das nämlich die Corinne. Finde ich toll.
Aber sonst hab ich mir noch keine Meinung gebildet. Braucht wohl noch ein paar Nachmittage mit meiner neuen Flamme...

Sonntag, 9. Juli 2006

Unter Freunden

Da haben wohl auch noch andere Menschen außer mir entdeckt, dass das Mur-Ufer großes Entspannungspotential hat. Und diese geschäftstüchtigen Leute haben dort vor kurzem eine Strandbar aufgebaut - mit Sand, Palmen, Fackeln und Liegen. Der Fluss besorgt das Meeres-Rauschen. Es war noch nie so stylish unter einer Brücke! Hab's mir angesehen, heute abend, mit einem Freund...


Wir haben lang geredet. Die große Veränderungswelle hat unseren Freundeskreis schon vor über einem Jahr gepackt und spült uns seitdem auseinander. Woran diese früher so eingeschworene Gruppe wirklich krankt, ist aber mangelnde Akzeptanz und Fürsorge. Das ist nämlich so: als Mensch ist es nur menschlich, dass man in regelmäßigen Abständen gegen die Wand knallt. Mal heftiger, mal sanfter, manchmal ist es zwei, drei, viermal die gleiche Wand, dann wieder eine ganz andere. Und "älter" zu werden, heißt wahrscheinlich nicht unbedingt, dass man seltener gegen die Wand rummst, aber dass man es bewusster tut. :) Geht zumindest mir so. Ich sehe die Wand kommen, auf die ich zusteuere, ich sehe, dass ich mich in eine Sache verrenne - aber das heißt nicht immer, dass ich besser gegensteuern kann. Je bewusster man sich dieses Vorgangs ist, desto eher wertet man sich selbst natürlich ab: Ich dummer dummer Mensch, jetzt mach ich es schon wieder so, obwohl ich weiß, dass es nicht gut ist - trotzdem kann ich nicht anders!

Und so geht es eben jedem von uns - wir tingeln und ecken an und tun uns weh und verlaufen uns... Bei guten Freunden sieht man aber die Katastrophe noch eher kommen als die Freunde selbst, und es ist manchmal schwer, das zu ertragen. Es ist eine Kunst, richtig zu reagieren, wenn man erkennt, dass geliebte Menschen einfach gegen die Wand fahren müssen... So wie man selbst es ja auch tut. Uns als Freunden fehlt es an Geduld und Fürsorge. Wir werten die anderen an ihren Verirrungen, so wie wir uns abwerten, wenn wir uns verlaufen. Wir schämen uns dafür, dass wir Fehler machen und nicht schon von Anfang an gesehen haben, wie es richtig geht. Deswegen haben wir keine Geduld und keine Fürsorge für unsere Freunde, die sich genauso irren, verlaufen, täuschen, oder selbst etwas vormachen...

Und das sehen wir, wenn wir unseren Freundeskreis betrachten:

Da ist der Lebenskünstler. Er ist voll Enthusiasmus, hat immer gute Ideen und Angst, sie umzusetzen. Er ist die Inkarnation des Ja-aber... Wir sehen, dass er gegen die Wand rummst, mit jedem neuen Versuch, etwas neues anzugehen. Von ihm heißt es, dass er untergehen wird. Braucht von uns keine Skepsis, sondern mehr Vertrauen in seine Fähigkeiten.

Der Träumer. Sucht die große Liebe. Hat ein genaues Bild davon, aber ziemlich Schiss. Verrennt sich mit jeder neuen Freundin. Schottet sich ab, weil er das Gefühl hat, seine Liebe gegen uns verteidigen zu müssen. Braucht von uns nicht Zweifel an seiner Liebesfähigkeit und ob die Frau zu ihm passt, sondern Akzeptanz für seine Wege und Entscheidungen.

Dann die Feministin. Geht ihren Weg zwischen Kunst, Jus und Spiritualität. Verrennt sich, wenn sie denkt, dass sie alles allein regeln muss und sich als abgetrennt erlebt. Braucht von uns mehr Zärtlichkeit, Fürsorge, Entspannung.

Der einsame Wolf. Hat sich vor langer Zeit abgemeldet. Klettert auf hohe Berge, um in sich zu gehen. Braucht mehr Sicherheit als der Durchschnitt, steht aber auch mehr dazu, als der Durchschnitt. Lebt Verbundenheit vor allem im Geist.Verrennt sich, wenn er denkt, alles heilen zu müssen oder Probleme regeln zu können, indem er weggeht. Braucht von uns keine Abschätzigkeit, sondern mehr Verständnis für sein plötzliches Verschwinden und seine Verletzlichkeit.

Die Muse. Liebt und lebt für alles Schöne. Braucht viel Zeit mit sich, Sicherheit, Erdung und Fürsorge. Verrennt sich, wenn sie sich zuviel aufbürdet und grundsätzlich in Liebesangelegenheiten. Braucht keine Besserwisserei, sondern Verständnis für ihre Ziele und Feingefühl für ihre Sehnsüchte.

Der Schauspieler. Arbeitet mit seinem Körper, mit seinen Sinnen. Liebt alles Außergewöhnliche, Bedeutsame, Wohlriechende, Feinschmeckende. Sieht Leben als Kunst. Verrennt sich, wenn er glaubt, die ganze Welt sei eine Bühne. Braucht von uns nicht entnervtes Kopfschütteln, sondern Erdung und Geduld, wenn wir dabei zusehen, wie er wieder langsam zu Boden gleitet...

Jeder von uns spiegelt den anderen die ungeliebten Seiten, so scheint es mir zumindest. Deswegen können wir auch (angeblich) genau erkennen, was den anderen in Wirklichkeit fehlt und dass sie in die falsche Richtung laufen. Wir werden wechselweise ungeduldig miteinander und entziehen uns dadurch gegenseitig das Vertrauen. Aber weil wir uns auch so toll durchschaut haben, gibt es auch gute Heilungsaussichten, denke ich. Fazit: Schwer ist die Kunst, ein Freund zu sein!

Donnerstag, 6. Juli 2006

Baumtrost

Das Herz in den Strom tauchen


Wurzeln schlagen

Treiben lassen


Berührt werden

Kobolde treffen


Federleicht werden


Abtauchen und die Zeit vergessen

Am Fluss steht eine ganz besondere Silberweide. Sie hat drei schlanke Stämme und beugt sich weit aufs Wasser hinaus. Die Wurzeln des ersten Stamms bilden ein Bett, in dem ich bequem liegen kann, der zweite Stamm ist zum Festhalten, und der dritte wächst in schönem Schwung, genau richtig, um sich draufzusetzen und die Füße ins Wasser zu halten. Irgendwo in der Nähe ist immer eine Entenkolonie, die sich faul treiben lässt. Blätter und Wasser glitzern um die Wette.


Es war eine lange Nacht, heute - und heute morgen war ich völlig aufgelöst, verwirrt... Mein altes Laster: ich tue Dinge, ohne das Einverständnis aller meiner "inneren Kinder" abzuwarten, ohne Rücksicht auf sie zu nehmen (weil sie mich manchmal einfach bremsen, denke ich). Und dann hab ich den Salat: fühle mich ganz zerbrechlich in meiner Haut, möchte mir eine Decke über den Kopf ziehen, mir die Arme um die Schultern schlingen und alleine sein. Die Türen verriegeln und mein Haus gründlich aufräumen. Dann muss ich dringend zur Weide und mir den Kopf wieder grade rücken lassen.

Meine Weide erzählt mir vom Loslassen und Drüberstehen, von Licht und Sonne, vom Alleinsein ohne Einsamkeit. Sie hat ein großes Herz und verlangt förmlich danach, umarmt zu werden. In ihren Wurzelarmen liegend sehe ich das Wasser vorüberziehen. Sie hilft gerne, mir einen unheimlich-heimeligen Mantel zu weben, der mich schützt und zugleich durchlässig macht. Sie lacht ein helles Lachen, malt mir Schatten auf die Beine und wirft mir gelegentlich auch einen Ast auf den Kopf, wenn es nötig ist. Sie sagt mir nicht, was zu tun ist. Solche Fragen straft sie mit einem scharfen Rauschen, oder auch mit Nicht-Beachtung. Sie weiß, dass ich mich selber helfen kann. Und sie hilft mir, zu sein - dunkel und hell, glitzernd und moosig, klar im Kopf und verträumt.

Mittwoch, 5. Juli 2006

Frag dich doch...






... mal, woher deine Kraft kommt?
Einfach so, weil's Spass macht, frei nach der "Magischen Koordinatenkarte" aus Luisa Francias superben Buch Drei Wünsche.






1.) Was kann ich gut und tue ich gern? Was sind Werkzeuge meiner Kraft?
musizieren, lachen, tanzen, schöpfen-erfinden, formen, schreiben, in den Bauch gehen, fühlen, yoga, dem Atem folgen, eine Muse sein


2.) Wen empfinde ich als verbündete Wesen, wer ist mir wohlgesonnen, zu wem fühle ich mich hingezogen?
meine engsten freunde, viele schriftsteller und -innen, singvögel, bäume


3.) Welches sind meine Orte der Kraft?
der ossiachersee, das ausseerland, südfrankreich und das departement l'ain, london, wien, paris, lyon,...
mein bett, opernhäuser, bühnen, belebte plätze, altmodische kaffeehäuser, baumwurzeln, lichte wälder

4.) In welcher Pflanze weiß ich Geistwesen, Feen, Helfer?
in lindenbäumen, tannenbäumen, eichen, hollunderbüschen, hohem gras, in meiner weide

5.) Als welches Tier würde ich leben wollen?
als luchs oder amsel

6.) Welche Dinge kräftigen und trösten mich?
gutes essen, musik, gedichte, märchen, spaziergänge, fotografieren, mit freunden sprechen, pippi langstrumpf lesen und wenn ich gar nicht mehr weiter weiß: ab ins bett


7.) Ich denke mir spontan eine 5stelligen Zahl aus, ziehe die Quersumme und schlage deren Bedeutung nach...
47358 (4+7+3+5+8) -> 27 -> 9. Im Tarot der Eremit. Wie passend ;) Ich muss dringend in mich gehen.

8.) Welche Farbe verkörpert für mich Schutz?
waldgrün. erdfarben. manchmal auch sehr helles beige/cremeweiß. dunkles glitzern (wie bei wasser)

9.) Welche weiblichen Vorbilder, starke oder bewundernswerte Frauen kenne ich und kann ich mir als Kraftverstärkung zum Vorbild nehmen?
märchen/geschichten: pippi, ronja, babajaga, wassilissa die weiße, turandot
göttinnen: die musen, artemis, frau holle, babajaga, baubo, demeter
im echten leben: rose ausländer, luisa francia, burgi sedlak, artemisia gentileschi, christine nöstlinger, susan anderson, christy turlington

10.) Welches Element wähle ich spontan zu meinem?
wind. feuer gerne in form von licht, besonders frühmorgens.


11.) Was hab ich geerntet, was davon selbst gesät, was ist als wilde Saat aufgegangen?
Ich habe gesät: disziplin, viele gedanken, zuversicht, gebete, arbeit, wille zur veränderung, verwünschungen, wertschätzung, abschätzigkeit, lügen, offenheit, verletzlichkeit, doppeldeutigkeiten, verletzungen, wärme, angst, neugier
Ich habe geerntet: vertrauen, zuversicht, erfolg, glück, verwirrung, sprunghaftigkeit, verletzungen, schönheit, wohlgefühl, ein sicherheitsnetz, ruhe, neugier


12.) Sehe ich mich eher als Sonne, Mond oder ein Planet?
Ich bin eine Mondsonne (sprich Wendehals *grins*)


13.) Was ist mein Treibstoff?
Im Großen und Ganzen? Die Liebe.
Und im Kleinen? Lernen, meinen Körper spüren, da-sein, Berge besteigen, immer mehr erfahren und immer weniger wirklich wissen...

Dienstag, 4. Juli 2006

Ihre Bestellung bitte?

Es erstaunt mich doch immer wieder, dass man doch tatsächlich bekommt, was man sich wünscht. Der Trick scheint "nur" zu sein, dass man auch weiß, was man will. :)
Jedenfalls habe ich meine 4. dicke Prüfung hinter mir. Und es hat funktioniert. Ich bin zwar nach wie vor vollkommen baff, aber ich schätze mal, die Überraschung ist eines der Hauptmerkmale der Magie. Wie Terry Pratchett so treffend schreibt: das Universum besteht aus 4 Elementen + dem fünften: der Überraschung.
Am Wochenende schien die Aufnahmekapazität meines armen Hirns tatsächlich vollkommen ausgelastet zu sein. Ich habe, hundemüde und völlig am Ende meiner Kräfte, die Decke über den Kopf gezogen und eine der schönen, runden Karten aus dem Göttinnenzyklus gezogen. Ich erhielt das 11. Haus, das "Luftschloss". Ich für mich habe erkannt: lernen tut mir gut, wenn ich es nicht wie eine einsame Kämpferin betreibe, sondern im Bewusstsein, dass ich einfach in den Wissens-Pool der Menschheit eintauche. Mir ist schon früher aufgefallen, dass ich wesentlich leichter lerne, wenn gerade zu diesem Zeitpunkt auch viele andere Menschen für die gleiche Klausur arbeiten. Vielleicht liegt der Lernstoff da irgendwie "in der Luft", anders kann ich es mir nicht erklären. Allerdings ist es nicht so leicht darauf zu vertrauen, dass man jederzeit auf dieses gemeinsame Wissen zurückgreifen kann. Vertrauen erleichtert die Angelegenheit nämlich ungemein!
Angeregt durch die Karte habe ich also bei den zwei da oben bestellt, dass sie mein zermartetes Hirn einfach an diesen Wissens-Pool anschließen sollen, weil ich mir einfach nix mehr merken kann. Ich habe dann auch noch eine Bestellung für eine angenehme, erfolgreiche Prüfung hinterhergeschickt, bevor ich endgültig in Morpheus' Armen weggebrochen bin.
Und was soll ich sagen - es hat funktioniert! *lach*
Jetzt habe ich noch zwei Prüfungen, um meine Bestellkünste zu perfektionieren.

Sonntag, 2. Juli 2006

Frischer Wind


Ich habe den Eindruck, dass mein persönliches Schicksal ein ernorm schlechtes Gewissen hat, wegen der ganzen Arbeit und Sorgen in letzter Zeit. Jedenfalls hat es sich heute richtig Mühe gegeben, mich wieder von der Zauberhaftigkeit meines Daseins zu überzeugen:
Meine Chefitäten haben vergessen, mir mitzuteilen, dass ich heute Vormittag eigentlich nicht hätte arbeiten müssen, da in unseren heiligen Hallen ein Konzert stattgefunden hat. Ich stand trotzdem um 10 auf der Matte und musste mir unverhofft bis 14 Uhr irgendwie die Zeit vertreiben. Also habe ich mich einfach stillschweigend in den Konzertsaal gesetzt (im "wichtigsten Barockschloss der Steiermark", wohlgemerkt!). Es war so wunderbar...
Es gab Schumann. Schumann, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich bin ihm zwischenzeitlich wieder untreu geworden. Weiß eigentlich gar nicht warum. Jedenfalls sind mir heute vormittag bei den Klängen der op. 94, 70 und 73 keine vernünftigen Gründe mehr eingefallen. Es ist schwer zu beschreiben, was mich an seiner Musik so derartig berührt, ohne an den äußersten Rand des erträglichen Kitsch zu stoßen. Aber gut, so ist es mit vielen schönen Dingen...
Es ist nämlich so, dass sich vom ersten Ton einer Schumann'schen (oder überhaupt romantischen) Melodie an ein Fenster in mir öffnet. Ich habe dann sofort das Bild eines Vorhangs vor mir, der, vom Sommerwind geteilt, den Blick auf den lichtdurchfluteten, riesigen und wild-wuchernden südfranzösischen Garten meiner Kindheit freigibt. Es riecht nach Wärme, nach nackter Haut, Zypressen, kühlem Stein... Ich kann atmen, ich fühle, dass es atmet, rund um mich. Es ist soviel Zeit da, unter einem Baum zu sitzen, einem Vogel zuzusehen oder einem Bach beim Fließen. Es gibt Zeit, wieder in die eigene Haut zurückzufinden, in die eigenen Füße; Zeit, Wunden aufzuspüren, sie zu fühlen und der Sommerluft zum Heilen hinzuhalten. Und über allem liegt immer ein ganz spezieller Wind; die Bäume murmeln ständig. Es ist dieser Wind, den ich in der (Kammer-)Musik der Spätklassiker und Romantiker wiedererkenne. Ich frage mich eigentlich, warum es gerade der Atem, die Luft, der Wind sind, die ich mit Musik assoziiere? Könnte ja auch genauso gut das Wasser sein... Hm. Für mich ist der Wind das sanfteste, kommunikativste und heilendste aller Elemente. Nichts fühlt sich auf nackter Haut so schön an. Na gut, fast nichts...

Dann wollte ich eigentlich meine Lieblingslinde im Park besuchen. Hat leider nicht funktioniert, da saßen schon zwei alte Leute und haben gepicknickt. Also bin ich querfeldein, zu einem einsamen Baum mitten auf der Wiese. Ich habe mir gedacht, ich könnte ja weiterhin auf meinem romantischen Trip bleiben und etwas völlig Sinnentleertes tun - nämlich mit dem Baum zu sprechen. Oder es zumindest zu versuchen. Und ich kann sagen: es hat funktioniert. Nein, ich habe keine grummelig-knorrige Stimme gehört, es gab auch keine Sprechblasen oder Farbvisionen vor dem inneren Auge. Einfach nur die Präsenz eines ruhigen, geduldigen, mächtigen Wesens. Und zwischendurch blitzten mir ein paar Gedanken durch den Kopf, von denen ich nicht unbedingt behaupten möchte, dass es meine eigenen waren. Ich musste ein paar Mal herzlich lachen (ja, mitten im Park). Es geht nichts über eine ordentliche Portion Baum-Humor!

Und jetzt hab ich nachgeschlagen: es war eine Hain-Buche. Eine tatsächlich sehr geduldige Baumart, die den Perfektions-Wahn des Menschen über Jahrhunderte hinweg ertragen hat müssen. Es gibt wohl keine geometrische Form, in die sie nicht schon einmal geschnitten worden wäre. Sie nimmt's mit Humor. Und ziemlich abgeklärt, wie ich finde...

Samstag, 1. Juli 2006

Plötzliche Erkenntnis

Also, um mal auf die Kommentare zum letzten Post einzugehen:
Danke für die Komplimente, es freut mich wirklich, wenn das Geschriebene hier in dem einen oder der anderen etwas auslöst, ihn oder sie berührt... :) Auch wenn ich zugeben muss, dass ich auf die Erkenntnis, dass mein kleiner Blog gelesen wird, doch noch etwas verwirrt reagiere.

Ich meine, da schreibt man eine ganze Weile schon, was einem so durch den Kopf spaziert; man hat das Medium Internet gewählt, weil das so schön papiersparend ist und man so nett verlinken kann und keinen UHU für das Einkleben von Bildern braucht... Und dann - Rumms! Peng! - wird das schlichte Gemüt mit der Tatsache konfrontiert, dass Internet ja vor allem Vernetzung und so bedeutet und das man eventuell ja auch gelesen wird, so wie man bei anderen mitlesen kann. Mein Gott, manchmal bin ich wirklich langsam ;) Wird schon wieder...

Ich gehe übrigens nach Schweden. 2 Semester lang, Kunstgeschichte. Es fühlt sich nach Abenteuer an und ich vermute auch, dass es eins wird. Zumal ich erfahren habe, dass ich mir selbst eine Bleibe suchen muss. Studentenheime sind ausgebucht. Hab jetzt aber keine Zeit für Wohnungssuche, muss lernen. Noch 1,2,3 Prüfungen, dann gibt's auch für mich Ferien...