Samstag, 16. Februar 2008

wer trotzdem lacht, ist meistens schwarz

NYAME BIRIBI WO SORO - "Gott ist im Himmel"
Adinkra - Symbol der Hoffnung

Vor kurzem im Afrika-Zentrum:

M. hat den ganzen Nachmittag mit Vermietern verhandelt, die eine Nigerianerin unter fadenscheinigen Vorwürfen aus dem Haus ekeln wollen.

H. war mit einem Mann beschäftigt, der über 1000 Euro Schulden bei einem Handyanbieter hat.

R. berät noch eine Frau, deren österreichischer Mann sie mit 3 Kindern sitzen gelassen hat.

S. klärt den Ingenieur über ein paar amtsdeutsche Passagen in seinem Asylantrag auf.

Habe gerade bei der städtischen Stromversorgung eine Ratenzahlung für eine Frau ausgehandelt, der sie kurz vor dem Wochenende Strom und Heizung abschalten wollten.

Ein bisschen müde beugen wir uns über unseren Kaffee, diskutieren einige Fallstricke der österreichischen Bürokratie, verdauen die härtesten Fälle des vergangenen Tages und sinnieren über den Sinn unserer Arbeit. Die Österreicher - an diesem Tag in der Mehrzahl - stimmen, ganz typisch, ihr leises Klagelied über diverse Missstände in ihrem Rechtsstaat an, als plötzlich von der Straße ein unglaublicher Lärm hereinbricht.

Lautes Geschrei (türkisch?), Gepolter, Geknalle - dann urplötzlich Stille. Fragende Blicke in der Runde.

M., Kameruner, Leiter des Zentrums, mit breitem Grinsen und herrlichem Kamfranglais-Akkzent:


"Ah, imma diesä Aus-lända! Die g'hö'n do' raus!"



NKONSONKONSON - "Kettenglied"
Adinkra - Symbol der Einheit und zwischenmenschlichen Beziehungen

Sonntag, 3. Februar 2008

abgetaucht



Wenn sich die sonst scheue Katze zu mir aufs Sofa legt,
die Uhren alle langsamer ticken
und meine Gedanken in irgendeinem Paralleluniversum flanieren,
dann ist Blutzeit!

Ich verkrieche mich in meiner Höhle, Schwestern, und tanke ein bisschen Einsicht bei der Alten...
Demnächst mehr!

Donnerstag, 3. Jänner 2008

penetrationswahn

Aufgrund von Bettlägrigkeit Alice Schwarzers "Kleinen Unterschied" in einem Rutsch durchgelesen.

Über etwas gestolpert, was seit Veröffentlichung unverändert blieb: Penetrations-Wahn.

Ich wusste: die Vagina ist ziemlich gefühlslos.
[Einen Tampon spürt Frau (entgegen aller Männerbefürchtungen/-fantasien) nicht. Und angeblich könnte sie am Hauptteil ihrer Vagina ohne Narkose operiert werden (angeblich...).]

Ich wusste auch: alle Embryonen sind zunächst weiblich. Der Penis ist also eine verlängerte Klitoris.

Und ich wusste auch: die Klitoris ist das empfindlichste Stück der Frau.

Nun wird aus Fakten noch lang kein Wissen. Das ist mir aufgegangen, wieder einmal. Denn kapiert habe ich bis jetzt nicht, dass die Synthese all dieser Fakten lautet:

Das Geschlechtsteil der Frau ist nicht ihre Scheide, sondern ihre Klitoris. Punkt.

Als "richtiger Sex" gilt aber immer noch der "Geschlechtsverkehr", also Penetration.
Alles andere rangiert nach wie vor im Bereich des Vorspiels.

Wenn ichs mir genau überlege, sind doch auch gängige Darstellungen des lesbischen Liebesspiels mit Dildos und allerhand surrenden Phallen bestückt - die doch eigentlich so nötig gar nicht sind.

Wäre (Männern?) vielleicht auch zu beängstigend. Wenn die Homosexuelle schon nicht mit echten Männern schläft - ganz ohne kommt sie doch nicht aus, ha!

Pardon, ich kenne genügend Männer, denen ganz anders wird wenn ich sie bitte, sich doch genau vorzustellen, wie ein anderer Körper in sie eindringt, um dann auf und ab zu fahren, zu stochern, zu hämmern oder zu bohren. Vielleicht ist meine Vorgehensweise nicht ganz fair. Denn wenn ich nachschicke, dass das Ganze durchaus seine Reize haben kann, sind die Armen meist bereits zu verschreckt. Das will also gelernt sein, das mit dem "Jemanden unter die Haut lassen".

Zwischen bloßer Penetration und echtem "Ineinander-Sein" besteht nocheinmal ein großer Unterschied. Die wenigsten, die *gröhl* "ihn reingesteckt haben" gehen auch tatsächlich wirklich unter die Haut.

Die erste Hürde ist schnell genommen, notfalls mit Gewalt, aber die Allerwenigsten wissen, wie sie tatsächlich die verborgensten der verborgenen Kammern einer Frau aufschließen. Und obwohl Frauen ziemlich schnell spüren, wer so ein potentieller Wunder-Wuzzi sein könnte - sie (wir!) lassen trotzdem zu viele in uns ein, als uns gut tut.

Und das schreibe ich auch der Tatsache zu, dass wir "echten Sex" mit Penetration gleichsetzen.

Ich bin grundsätzlich dafür, dass Menschen sexuelle Erfahrungen sammeln. Aber weil Sex so eine heikle Sache ist, wäre eine differenziertere Betrachtungsweise angebracht. Lust entsteht auf viele Weisen, will auf genauso viele Arten befriedigt werden. Der Penetrationswahn beschneidet uns, vielen wird er eine Quelle der Enttäuschung, Frustration, und - ja - ungewollten Schwangerschaft.

Anscheinend kriegen Frauen immer noch nicht genügend Orgasmen, sonst wären den endlosen Kolumnen der Cosmopolitans, Jolies und Belles die Luft ausgegangen.

Ich erinnere mich an Gespräche mit Freundinnen, Freunden - den Druck bei vielen. Und dem wird ja auch weiterhin Futter gegeben - denn würden andere Möglichkeiten (als die Penetration) tatsächlich als gleich- und vollwertig angesehen, hätten wir nicht denselben Stress mit Impotenz, mit angeblich "orgasmusunfähigen" Frauen oder solchen, die einfach nicht feucht genug werden oder von was anderem träumen.

Ich bin eben immer wieder verblüfft, dass wir so ganz und gar unaufgeklärt sind. Alle Naselang wackelt Eine/r mit Po/Brust/Bauch, aber über Lust -
über das Körperuniversum -

wissen wir nix.

Dienstag, 25. Dezember 2007

Rauhnacht N°1


8 Kelche
Der Antritt einer Reise nach Innen, manchmal passiert er mir fast von selbst, manchmal erkämpfe ich ihn durch Krankheiten aller Art. Weil ich schnell Schuldgefühle bekomme und nervös werde, weil ich schon wieder „nichts getan“ habe, muss ich mich dazu zwingen, echtes Nichtstun zu kultivieren. Nur so wird mein Tun wieder sinn-voll und geht mir leicht von der Hand.
Ich messe meine menschlichen Erfolge an meiner Fähigkeit, die To-Do-Liste erst gut zu füllen (leicht) und dann erfolgreich abzuarbeiten (hoffnungslos). Leider sehe ich mich wegen einiger unerledigter Punkte flugs unter der Brücke enden - und sosehr ich um die Absurdität derartiger Gedanken weiß, so wenig gelingt es mir, ihnen keinen Glauben zu schenken.
Wenn ich also der Angst und Bange verfalle, am Rande der Depression entlang kratze und erst recht nichts gebacken bekomme, wird es Zeit für folgende Frage:

Wie kommt es, dass ich überhaupt tätig werden kann?

Unter allen meinen Handlungen, Gedanken und Worte schwingt etwas viel Tieferes: der Urgrund des Seins überhaupt. Es war zuerst da und aus ihm erwuchs mir die Möglichkeit, körperlich zu sein, Entscheidungen zu fällen, mich mitzuteilen, zu entwickeln und als etwas Lebendiges zu erleben. Diese Schwingung-vor-Allem ist keine Einbildung irgendwelcher Hippie-Trippie-Leute. Nach eingehender Prüfung durfte ich auch feststellen, dass sie keine Glaubensfrage ist. Wer - wie ich - sein Leben lang auf der Autobahn verbracht hat, muss nicht an das Geräusch von Bienensummen glauben, er muss von der Autobahn hinunter.
Dieser Ur-Puls (den ich nicht besser beschreiben möchte) ist gerne bereit, sich in mir auszubreiten; allerdings stellt er Regeln auf: hinsetzen, Mund halten, ruhig bleiben! Nein, nicht wie Schule. Schon eher wie der Versuch, in einem Boot sitzend auf den Grund eines verzauberten Teichs zu blicken.
Trage ich den Anblick dieses Grundes in mir, ist keine meiner Handlungen mehr banal, denn ich fühle sie ihm entspringen. Ich erfahre, dass ich zuallererst BIN und dadurch erst MACHE. In der Bewusstheit meines Seins erhält mein Machen eine ganz andere Gewichtung. „Besorgungen“ schrumpfen allmählich zu dem was sie sind: eine von vielen Möglichkeiten, durch die sich mein Sein ausdrückt. Nicht zappeliges Herumspringen und Mich-Bemerkbarmachen ist Lebendigkeit. Mir Zeit zu nehmen um zu fühlen, dass ich bereits im ruhigen Dasein vor Leben übergehe - das schon.

Donnerstag, 13. Dezember 2007

der feine Unterschied...

Ist das nur meine Meinung, oder ist es tatsächlich idiotisch, einer müden Studentin so einen Kerl vor die Nase zu halten und dann noch profunde Analysen zu erwarten?





Barberinischer Satyr, schläft seit 200 v. Chr. (und die Münchner freuen sich)



Das Einzige, was mir in assoziativer Gedankenkette noch einfällt: was sich im Museum locker ein unschuldiges Kunst-Tarnkäppchen aufsetzt (jaja, beachtet bitte die jähen Qualitätsumschwünge der verschiedenen Richtungsenergien!) , löst am Plakat einen Skandal aus. Zur Erinnerung:



Samuel de Cubber, Aikido Vize-Weltmeister, zog sich 2002 aus


Tja, hätte der Herr Saint Laurent doch lieber auf einen steinernen Schniedel gesetzt statt auf Lebendfleisch - anscheinend sind wir auch 2002 nicht bereit für echte nackte Männer! Die entschärfte Version:


Meiner Treu... dass es im Museum versauter zugeht als auf der Straße - wer hätte es vermutet?!

Schöner Advent!

Dienstag, 4. Dezember 2007

Sein und Zeit


Weiß auf Weiß (K. Malevich, 1918)

Aufgestanden zwischen erstem und zweitem Schlummertastendruck.

Richtig aufgewacht im Hörsaal über den Dächern.

Betrachtungen eines Philosophen, der nichts von kategorialen Begriffsbestimmungen hält. Stattdessen sieht er Begriffe als Wegweiser zum persönlichen Nachvollzug.

"Verwandlung in das Dasein"
[... ! ...]




Apoll von Tenea (~2500 Jahre alt)

"In der Welt-Sein" des Daseins -
nicht Ich gegen die Welt,
sondern Ich bereits in ihr gegeben,
mein Dasein bereits welthaft.
Keine Be-ziehung zwischen uns, sondern apriori schon vereint.


So wie der Apoll, der in Horizontale und Vertikale eingespannt ist, aber vor Dasein und Lebendigkeit strahlt.
Von Gesetzen geformt, doch ungetrennt von ihnen,
ist er, was er zugleich verkörpert.
Unter der Steinhaut regt sich eine Kraft, die keine Handlung braucht um tätig zu sein.
Der Mensch ist da.

Es ist gleichgültig, worin er lebt - ich erkenne ihn sogar im Stein.
Der Stein besitzt Leben und lächelt das Lächeln des seienden Menschen.

Ich gehe an einem alten Mann im Park vorbei, der schmunzelnd nach oben blickt.

Warum will und muss ich mich nicht umdrehen, um den Grund seines Lächelns zu verstehen?

Vielleicht weil die Spiegelung des Betrachteten in seinen Augen schöner und wahrhaftiger ist, als jeder Vogel, jede Wolke, die ich dort oben finden könnte.

Vielleicht weil auch ich ein Mensch bin - ich sehe Augen und verstehe.

Donnerstag, 22. November 2007

jessas maria, wos hot an jetz scho wieda taun?!

Angeregt von Luisas Eintrag zu Kinderspielen stieg heute in mir die Erinnerung an das wohl seltsamste Spiel meiner gesamten Kindheit auf. Bis ich etwa 13 bin gibt es bei uns keinen Fernseher und zu meinem Leidwesen auch keine Computerspiele oder Gameboys, sondern nur gutes altes Spielzeug. Davon aber reichlich. Außerdem sind mein Bruder und ich begeisterte Schauspieler. Weil wir beide nicht viel auf andere Kinder halten und damit auch die Klassifizierung von Spielzeug und Spielen nach Geschlecht nicht erlernt haben, spielen wir beide mit Puppen und Autos, und finden es auch nicht befremdlich, uns gegenseitig Schnurrbärte oder rote Wangen zu malen. Jeden Samstag oder Sonntag steht vormittags das Folgende auf dem Programm:
Mein Bruder ist eine grantige alte Frau und wohnt im ersten Stock eines Hochhauses (= oberes Etage des Stockbetts). Ich bin auch eine grantige alte Frau und wohne im Stock darunter. Jedes Wochenende läutet die eine bei der anderen am Plastiktelefon an und lädt sie zum Kaffee ein. Meistens muss ich meine Nachbarin einladen, weil sie Angst hat, dass ihre Wohnung im ersten Stock zusammenbricht, wenn wir gemeinsam dort hocken. Ich schimpfe ein bisschen, weil ich auf die gute Aussicht nicht verzichten will und außerdem insgeheim darauf hoffe, meiner Nachbarin die gute Wohnung abzuluchsen. Die ist aber immer schlauer als ich und am Ende serviere ich ihr Kaffee aus meinem Puppengeschirr in meiner Wohnung, und es geht los. Das Gesprächsthema ist immer das gleiche: der Mondo. Der Mondo, das ist ein kleiner Bub, der ebenfalls im Hochhaus wohnt. [Es bleibt rätselhaft, wie er zu seinem Namen gekommen ist - ich vermute eine Verwandtschaft mit dem (nicht ganz harmlosen) Schimpfwort "Mongo"; Idiot, beschränkter Mensch.] Der Mondo ist aber keinesfalls ein Depp. Er ist ein kindlicher Revoluzzer und Vandale, den wir, die alten Damen, fürchten und verachten. Jeden Sonntag erzähle ich meiner Nachbarin und sie mir von den neuesten unglaublichen Schandtaten des Mondo. Jessas maria, wos hot an jetz scho wieda taun?! (Jesus und Maria, was hat er denn jetzt schon wieder getan?!), schreien wir und heben die Arme gen Himmel, unsere Altweiberköpfe wackeln und wir fühlen uns plötzlich sehr alt.
Bei der Nachbarin aus dem 3. Stock ist er einfach in die Wohnung gestürmt und den Fernseher aus dem Fenster geschmissen!
Ja, und der anderen Nachbarin hat er den für ihn gebackenen Apfelstrudel einfach wieder in die Schürze gespuckt!
Im Supermarkt hat er sich an der Kassa einfach aufs Fließband gelegt und der Kassiererin ins Gesicht gelacht!
Im Flur hat er Erbsen ausgestreut und der alte Nachbar hat jetzt ein verrissenes Kreuz!
Der Nachbarin hat er das Baby aus der Wiege gestohlen und eine Katze hineingelegt!
Ihrem Sohn hat er die Bettdecke ans Bett geklebt!
Dem Briefträger hat er das Rad angesägt!
Der Gesprächsstoff reicht für eine Stunde und am Ende sind wir beide sehr erschöpft und aufgebracht. Die Nachbarin und ich nicken besorgt, doch würdevoll, schenken einander ein und seufzen über die Kinder von heute. Dann ein Kratzen und Miauen an der Tür - Nein!, schreit meine Nachbarin, nicht öffnen! Das ist ein Trick vom Mondo, der will dir dein Geschirr zerschlagen! Am nächsten Wochenende habe ich an meiner Wohnungstür bereits Ketten montiert.
Wir zerbrechen uns den Kopf über die Zukunft des teuflischen Mondo, dessen Eltern nicht auffindbar sind und der - Gott behüte! - womöglich alleine in einer Wohnung lebt, unter selbst abgezogenen Katzenfellen schläft und nur isst, was sich im Supermarkt in die Taschen stopfen lässt, während alle wegschauen. Und einen Heidenspaß hat er auch noch dabei! Wir würden ja die Polizei anrufen, aber es ist Wochenende, da arbeiten die nicht. Unter der Woche tun das zwar die gepeinigten Nachbarn, aber der Mondo entkommt immer. Dass es ein Jugendamt gibt, wissen wir noch nicht. Wir seufzen und jammern, beklagen die Zeit in der wir leben und die Kinder, die sich nicht ordentlich zu benehmen wissen. Insgeheim sind wir froh, denn in unserer langjährigen nachbarlichen Freundschaft hat sich kein Gesprächsthema als so ergiebig erwiesen wie der Mondo.
Warum der Mondo uns niemals etwas tut, wundert uns sehr. Höchstens ein bisschen Hunde-AA oder nasses Klopapier schiebt er uns manchmal durch den Briefschlitz, aber das ist ja alles kein Drama. Verglichen mit explodierenden Fernsehern, vertauschten Kindern und angesägten Fahrzeugen.
Einige Jahre später eröffnet in unserer Nachbarschaft der erste Mondo, ein Billig-Supermarkt. Das verfolgen mein Bruder und ich natürlich mit Staunen. Wir gehen am Laden vorbei, schütteln unsere runzligen Köpfe und fühlen uns plötzlich sehr alt und müde angesichts dieser verwahrlosten Welt, in der ein Mensch wie Mondo sein eigenes Geschäft bekommt.